Zum Inhalt springen

Female Gaze – Frauen schreiben Männer

Wie wird die Männerwelt aus weiblicher Perspektive dargestellt? In der Reihe „Female Gaze: Frauen schreiben Männer“ zeigt die Linse die Werke von fünf Regisseurinnen: Kathryn Bigelow, Mary Harron, Claire Denis, Charlotte Wells und Chloé Zhao.

In ihren Filmen werden Männer durch Gesten, Routinen, Körper und Fantasien beschrieben. Der Blick richtet sich auf Männerfiguren und männliche Umgebungen, deren innere Konflikte sich nicht offen artikulieren, sondern in Wiederholungen, Körperlichkeit und Brüchen sichtbar werden.

Was die Filme verbindet, ist auch die Frage, wer schaut. Ist die Figur ein guter Vater, weil er seine Schwäche verbirgt, oder ein schlechter, weil er sie nicht teilt? Ist die obsessive Morgenroutine eine vertraute Ästhetik der Selbstoptimierung, oder das Porträt einer inneren Leere? Wie wird aus einer Satirefigur ein misogynes Vorbild?
Die fünf Filme sind Porträts von Männlichkeit, distanziert beobachtet, manchmal verstörend und gerade dadurch umso interessanter. Jeder Film wird mit einer kurzen Einführung vor Filmbeginn präsentiert, die dazu einlädt, diese fünf großartigen Filme vielleicht mit einem anderen Blick zu sehen.

American Psycho

eine Analyse toxischer Männlichkeit

Patrick Bateman ist der prototypische Yuppie der 1980er Jahre: erfolgreich, geschniegelt, kontrolliert. Sein Alltag besteht aus Routinen, Statussymbolen und der ständigen Angst, nicht zu genügen oder verwechselt zu werden. Gefühle erscheinen ausschließlich als Oberfläche, Identität als austauschbare Maske.

Harrons Film beschreibt Männlichkeit als Performance, gespeist aus Konsum, Konkurrenz und Gewaltfantasien. Das Innere der Figur bleibt dabei leer und unzugänglich. Inspiriert von dem Roman des queeren Autors Bret Easton Ellis, dessen bewusst monotone Passagen die innere Leere der Figur betonen, übersetzt Harron diese Leere in eine Mischung aus Komödie und Horror. Gerade durch ihre Überzeichnung ist die Verfilmung so absurd und zugleich so verführerisch, dass die Figur Patrick Bateman bis heute von Teilen einer jungen, männlichen Internetkultur als Identifikationsfigur gefeiert wird.

USA 2000 · R: Mary Harron · Db: Mary Harron, Guinevere Turner · K: Andrzej Sekula • Mit Christian Bale, Justin Theroux, Josh Lucas, Bill Sage, Chloë Sevigny · ab 16 J. · engl.OmU · 102′

So 2. August 2026  • 20:00 Uhr mit einer kurzen Einführung 
im Cinema (kleiner Saal)

Plakat American Psycho

Explizite Gewalt, Blutdarstellungen, Frauenfeindlichkeit, sexuelle Inhalte, psychische Instabilität, Drogen- und Alkoholkonsum.

Der Fremdenlegionär

Körper als Träger von Ordnung, Begehren und Konflikt

In DER FREMDENLEGIONÄR erscheinen Männer als performative Körper. Die Soldaten der Fremdenlegion erzählen ihre Geschichte nicht durch Sprache, sondern durch Haltung, Bewegung und Disziplin. Ihre Körper werden zum Träger von Ordnung, Begehren und innerem Konflikt. Denis’ Blick verweilt auf der Schönheit dieser Männer, ohne sie zu objektifizieren oder zu beherrschen.

Die Kamera betrachtet nicht aus einem voyeuristischen Blick, sondern mit Distanz, Neugier und Sensibilität. In Zusammenarbeit mit der Kamerafrau Agnès Godard entsteht ein lyrisches und reflektierendes Porträt von Männlichkeit, das klassische Konventionen auflöst. Militärisches Leben wird hier nicht als Machtinszenierung gezeigt, sondern als choreografierte Routine, geprägt von Wiederholung, Nähe und unterdrückter Spannung.
 
Lose inspiriert von Herman Melvilles Billy Budd erzählt der Film eine Geschichte repressiver Männlichkeit, in der Begehren und Neid unausgesprochen bleiben. Ambivalente Blicke, Close-ups und homoerotische Untertöne lassen einen emotionalen Stillstand sichtbar werden. Der Fremdlegionär ist ein gloriöses, zugleich verstörendes Porträt von Männern, die sich über Disziplin definieren und dabei den Zugang zu sich selbst verlieren.

BEAU TRAVAIL · Frankreich 1999 · R: Claire Denis · Db: Claire Denis, Jean-Pol Fargeau, Herman Melville · K: Agnès Godard • Mit Denis Lavant, Michel Subor, Grégoire Colin, Richard Courcet, Nicolas Duvauchelle, Adiatou Massudi · ab 6 J. · franz.OmU · 90′

So 16. August 2026 • 20:00 Uhr mit einer kurzen Einführung 
im Cinema (kleiner Saal)

Foto Der Fremdenlegionär

Militärischer Kontext, psychische Belastung, Macht- und Hierarchieverhältnisse, unterdrückte Sexualität, körperliche Gewalt.

Aftersun

Triumphales, lang nachhallendes Debüt mit feinem, wahrhaftigem Spiel und echter Schönheit

Fragile Fürsorge: In AFTERSUN verbringt der Vater Calum mit seiner jungen Tochter einen Sommerurlaub, geprägt von Abenteuern und einer scheinbaren Leichtigkeit. Unter der Oberfläche liegt eine emotionale Erschöpfung, die sich kaum benennen lässt. Seine Gefühle bleiben unausgesprochen und zeigen sich nur in Gesten und Blicken.

Wells erzählt diese Geschichte aus der Perspektive der Erinnerung. Der Film rekonstruiert einen Mann nicht aus seinem Inneren heraus, sondern aus fragmentierten Bildern, Videoaufnahmen und nachträglicher Wahrnehmung. Der Vater erscheint hier nicht als unerschütterliche Figur, sondern als stilles Versagen an den eigenen Ansprüchen.

In AFTERSUN sehen wir eine Vaterfigur, die liebt, sorgt und präsent sein will, doch ihre inneren Kämpfe sind kaum teilbar. Eingefangen in Bildern, die selbst wie Erinnerungen aussehen.

Großbritannien/USA 2022 · R: Charlotte Wells · Db: Charlotte Wells · K: Gregory Oke • Mit Paul Mescal, Frankie Corio, Celia Rowlson-Hall u.a. · engl.OmU · 102′

So 30. August 2026 • 20:00 Uhr mit einer kurzen Einführung
im Cinema (kleiner Saal)

Plakat Aftersun

Depression, psychische Belastung, suizidale Andeutungen, Traurigkeit, familiäre Konflikte.

Strange Days

Dystopischer Thriller

Ein futuristisches Los Angeles. Der ehemalige Polizist Lenny Nero lebt weniger in der Gegenwart als in aufgezeichneten Erinnerungen. Über eine illegale Technologie konsumiert er fremde Aufzeichnungen realer Ereignisse, die direkt in den zerebralen Cortex eingespeist werden. Sie erzeugen den billigen Nervenkitzel, selbst dabei zu sein und eröffnen eine neue Form des Konsums von Pornographie und Gewalt.

Bigelows Sci-Fi Film beschreibt einen Protagonisten, der Beobachter bleibt, selbst wenn er glaubt zu fühlen. Männlichkeit zeigt sich hier nicht im Handeln, sondern in der Vermeidung von Nähe und Verantwortung, die durch Kontrolle, Nostalgie und mediale Vermittlung ermöglicht wird.

Die Männlichkeit in Strange Days konsumiert, speichert und wiederholt. Der Film entlarvt eine Männerfigur, die sich hinter Technologie versteckt und gerade dadurch immer weiter von sich selbst entfernt.

USA 1995 · R: Kathryn Bigelow · Db: James Cameron, Jay Cocks · K: Matthew F. Leonetti • Mit Ralph Fiennes, Angela Bassett, Tom Sizemore, Juliette Lewis, Michael Wincott · ab 16 J. · engl.OmU · 139′

So 13. September 2026  • 20:00 Uhr mit einer kurzen Einführung
im Cinema (kleiner Saal)

Plakat Strange Days

Explizite Gewalt, sexualisierte Gewalt, Vergewaltigung, Polizeigewalt, Rassismus, Drogenkonsum, psychische Belastung.

The Rider

Ein alle berührender, zärtlicher und authentischer Blick auf den Verlust von Männlichkeit und Lebenstraum

Was ist ein Cowboy? Was bleibt von einem Mann, wenn man ihm das nimmt, worin er sich als Mann erkennt? Brady ist aufstrebender Rodeo-Star und talentierter Pferdetrainer in den Weiten von South Dakota. Nach einem schweren Sturz, bei dem ein Pferd seinen Schädel zertrampelt, wird ihm klar: Ein weiterer Ritt kann ihn das Leben kosten.

Die Regisseurin Chloé Zhao (Nomadland, Hamnet) beschreibt eine männliche Identität, die nicht erklärt, sondern gelebt wird. Der Film ist eng mit Bradys realem Leben verwoben: Brady Jandreau spielt sich selbst, seine Familie spielt sich selbst, sein bester Freund Lane (ein querschnittsgelähmter Rodeo-Kollege) spielt sich selbst.
The Rider ist daher eine Verwischung von Fiktion und Dokument. Besonders in den Szenen mit den Pferden wird das sichtbar: Brady bewegt sich zwischen Vater, Mutter, Freund und Tanzpartner der Tiere.

Die Kamera beobachtet, wie Männlichkeit im ländlichen Amerika verkörpert wird, durch Arbeit, Schmerz und Schweigen. Zhao zeigt uns eine Welt ohne Mitleid, wo eine Verletzung nicht nur den Körper, sondern die gesamte Identität einer Person erschüttern kann. Und das mit einer Zärtlichkeit, die in Hollywood-Händen kaum denkbar wäre.

USA 2017 · R: Chloé Zhao · Db: Chloé Zhao · K: Joshua James Richards · Musik: Nathan Halpern • Mit Brady Jandreau, Tim Jandreau, Lilly Jandreau, Cat Clifford, Terri Dawn Pourier, Lane Scott, Tanner Langdeau, James Calhoon, Derrick Janis · ab 12 J. · engl.OmU · 102′

So 27. September 2026  • 20:00 Uhr mit einer kurzen Einführung
im Cinema (kleiner Saal)

Plakat The Rider

Kopfverletzung, körperliche Einschränkung, Behinderung, Identitätskrise, Männlichkeitsbilder, emotionale Belastung, existenzielle Unsicherheit, Verletzungsrisiken im Rodeosport.