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Helden – eine Spurensuche

Und wieder lädt DIE LINSE zur mittlerweile 4. Auflage einer Männerfilmreihe ein. Kaum ein Thema wird so eng mit „Männlichkeit“ verknüpft wie der Heldenmythos. Unzählige Filme zeichnen ein Bild von kampferprobten Kriegshelden oder Weltenrettern, die nicht selten einem übermächtigen Feind trotzen, sich dabei bisweilen heroisch selber opfern, für das „Gute“ ihr Leben lassen und für die Nachwelt als ikonographische Schatten weiter existieren. In ihrer Überzeichnung werden dabei immer wieder männliche Ideale produziert bis hin zu toxischen Männlichkeitsstereotypen, die es zu hinterfragen gilt.

Jens Schneiderheinze und Sebastian Aperdannier haben sich als Kuratoren der Reihe deshalb auf die Suche nach filmischen Antihelden gemacht, die auf ihre ganz eigene Art und Weise den gängigen Heldenmythos unterlaufen.
Wie gewohnt geben sie vor jedem Film einen kurzen Einblick in ihre Auswahlentscheidung und runden den Abend mit einem 10-minütigen interaktiven Filmgespräch ab. Wie schon in den vergangenen Jahren, so wird es auch diesmal wieder eine Kombination aus Literatur und deren Verfilmung geben.
Die Kuratoren lesen aus „Kleine Dinge wie diese“ von Claire Keegan, deren filmische Umsetzung am 30.11.präsentiert wird.

Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit

einprägsame selten erzählte Geschichte

John May ist ein Mensch der besonderen Art: Eigenbrötler, akribisch, zurückhaltend, aber mit einem großen Herz für andere. Mit wahrer Engelsgeduld kümmert er sich als „Funeral Officer“ im Auftrag der Londoner Stadtverwaltung um die würdevolle Beisetzung einsam verstorbener Menschen. Selbst für das Schreiben der Trauerreden findet er Zeit und Worte – gehalten auf Trauerfeiern, die nur auf einen einzigen Gast zählen können, ihn selbst. Doch seine Sorgfalt und Hingabe passen schlecht zusammen mit dem strengen Gebot der Wirtschaftlichkeit. Die Stadtverwaltung streicht seine Stelle, ein letzter Fall bleibt ihm: Billy Stoke, einsam gestorben in seiner verwahrlosten Wohnung genau vis-à-vis von Mays penibel geordnetem Zuhause. Fast obsessiv stürzt sich May auf diesen letzten Fall, der ihm so nahe ist. Wer war dieser Billy Stoke? Wie war sein Leben, wer waren seine Freunde, hatte er Familie? Als May auf die ersten Spuren stößt, beginnt eine befreiende Reise, die ihn auch sein eigenes Leben mit allen Aufregungen und Gefahren wagen lässt.

»Es sind tiefsinnige, intime und universale Themen, die Regisseur Uberto Pasolini mit Delikatesse abhandelt. … Ein Geschenk, eine Ode an die Menschlichkeit, ein Film, den man nicht verpassen sollte.« Bernhard Koellisch, SRF

STILL LIFE Großbritannien/Italien 2013 · R & Db: Uberto Pasolini · K: Stefano Falivene • Mit Eddie Marsan, Joanne Froggatt, Karen Drury, Neil D’Souza, Andrew Buchan u.a. · ab 12 J. · engl.OmU · 92′

Mo 21. September 2026 • 18:00 Uhr
im Cinema (kleiner Saal)

Mr May und das Flüstern der Ewigkeit

Tod, Einsamkeit, Trauer, soziale Isolation

Schuld sind immer die Anderen

Konfrontation mit der eigenen Schuld

Ben bekommt im idyllisch gelegenen „Waldhaus“ die einmalige Chance auf einen Neuanfang. Als einer von sieben jugendlichen Straftätern soll er in der familiären Gemeinschaft soziale Kompetenz erlernen und Geborgenheit erfahren. Doch als er auf seine Hausmutter Eva trifft, ist er geschockt: Sie ist eines seiner Opfer. Sein brutaler Überfall auf sie wurde nie aufgeklärt. Während Ben alles versucht, um nicht aufzufallen, wächst in Eva ein Verdacht.

»Der Debüt-Film von Regisseur Lars-Gunnar Lotz liefert starke schauspielerische Leistungen in der bewegenden Geschichte einer versuchten Resozialisierung eines jugendlichen Kriminellen. … Eine starke Parabel über Schuld und Erneuerung, die dicht erzählt wird und gleichzeitig die Komplexität von Moral ausführlich zeigt. SCHULD SIND IMMER DIE ANDEREN schafft es, unseren Glauben an die Möglichkeit von Veränderung zu stärken ohne auf feel-good Handlungen auszuweichen.« (Hollywood Reporter)

»Mit Shakespearescher Wucht und differenziertem Blick konfrontiert der Film einen jugendlichen Straftäter mit dem Opfer seiner Gewalttaten. Die Komplexität von Schuld und Vergebung wird sorgfältig ausgelotet und gleichzeitig der oft mit Stereotypen belegte Beruf des Sozialarbeiters gründlich rehabilitiert.« (Martin Schwickert, Der Tagesspiegel)

Deutschland 2012 · R: Lars-Gunnar Lotz · Db: Anna Praßler · K: Jan Prahl · Musik: Sea Air • Mit Edin Hasanovic, Julia Brendler, Marc Ben Puch, Pit Bukowski, Natalia Rudziewicz u.a. · ab 12 J. · 93′

Mo 5. Oktober 2026  • 18:00 Uhr
im Cinema (kleiner Saal)

Plakat: Schuld sind immer die Anderen

Körperliche Gewalt, Überfall, Kriminalität, Täter-Opfer-Konfrontation, emotionale Belastung.

Tyrannosaur - Eine Liebesgeschichte

schonungslose und berührende Geschichte über Gewalt, Einsamkeit und Erlösung

Im Mittelpunkt steht Joseph, ein von Wut und Selbsthass gezeichneter Mann, dessen Leben von Alkohol, Trauer und Aggression bestimmt wird. Als er auf Hannah trifft, eine freundliche und tief religiöse Frau, scheint sich zunächst eine unerwartete Freundschaft zu entwickeln. Doch hinter ihrer fürsorglichen Fassade verbirgt auch sie ein Leben voller Leid und Demütigung.

Considine zeichnet das Porträt zweier Menschen, die auf sehr unterschiedliche Weise mit Verletzungen und Traumata kämpfen.Dabei vermeidet der Film einfache Erklärungen oder sentimentale Lösungen. Stattdessen entfaltet sich eine intensive Charakterstudie, die von außergewöhnlichen schauspielerischen Leistungen getragen wird. Besonders Peter Mullan als Joseph und Olivia Colman als Hannah verleihen ihren Figuren eine erschütternde Authentizität. Tyrannosaur ist kein leichter Film. Seine Bilder und Themen sind oft schmerzhaft und direkt. Zugleich entwickelt er eine große emotionale Kraft, weil er selbst in den dunkelsten Momenten an die Möglichkeit menschlicher Nähe und Mitmenschlichkeit glaubt. Das vielfach ausgezeichnete Drama gilt bis heute als eines der eindrucksvollsten britischen Debüts der 2010er-Jahre.

TYRANNOSAUR Großbritannien 2011 · R & Db: Paddy Considine · K: Erik Wilson • Mit Peter Mullan, Olivia Colman, Eddie Marsan, Jag Sanghera, Mike Fearnley, Paul Conway · ab 16 J. · engl.OmU · 92′

Mo 19. Oktober 2026 • 18:00 Uhr
im Cinema (kleiner Saal)

Poster: Tyrannosaur

Häusliche Gewalt, körperliche und emotionale Misshandlung, Alkoholmissbrauch, Trauer, psychische Belastung.

Sparrows

Integration, Männlichkeit, Liebe, Verlust und Vergebung

Der 16-jährige Ari ist gezwungen, von seiner Mutter aus Reykjavik in seine alte Heimat, den abgeschiedenen Nordwesten Islands, zu seinem leiblichen Vater zu ziehen. Dort spiegelt die raue Landschaft die schwierigen Beziehungen sowohl zu seinem Vater als auch zu seinen Freunden wider, mit denen er sich auseinandersetzen muss. Er wird nach und nach von der Rolle eines Beobachters in die einer handelnden Person gedrängt, was nicht ohne Verletzungen vonstatten geht. Der Weg zum Erwachsenenleben scheint nicht zu haben zu sein, ohne sich schuldig zu machen.

»Natürlich behandelt SPARROWS den Übergang eines jungen Mannes ins Erwachsenenalter, doch erzählt er auch von einer Vater-Sohn-Beziehung, von Integration, von der Rückkehr zu den Wurzeln, von Männlichkeit, Liebe, Verlust und Vergebung. Ich arbeite gerne mit vielen Elementen, denn das Leben ist komplexer als eine in 90 Minuten verpackte Moral.« (Regisseur Rúnar Rúnarsson)

»Rúnar Rúnnarson erzählt die emotionale Tour de Force seines sensiblen Protagonisten unkonventionell langsam, lakonisch und wortkarg. Sprechen lässt er vor allem die Filmbilder, die Gesichter, Blicke, Räume, Landschaften und Atmosphären.« (LUCAS FIlmfestival Frankfurt)

Island/Dänemark/Kroatien 2015 · R & Db: Rúnar Rúnarsson · K: Sophia Olsson • Mit Oskar Fjalarsson, Ingvar Eggert Sigurdsson, Nanna KristÌn Magnusdottir, Rade Serbedzija, Kristbjörg Kjeld u.a. · ab 12 J. · isl.OmU · 99′

Mo 26. Oktober 2026 • 18:00  Uhr
Cinema kleiner Saal)

Plakat Sparrows

Familiäre Konflikte, emotionale Vernachlässigung, Verlust, belastende Jugenderfahrungen.

Skin

Ein junger Nazi will aussteigen

Bryon Widner trägt den Hass tief im Herzen und sichtbar auf der Haut. Seine zahlreichen Tätowierungen überziehen Körper, Gesicht und kahlrasierten Schädel – eingebrannte Verbildlichungen seiner Gewalttaten und Zeugnis einer von Hass und Unmenschlichkeit geprägten rechtsradikalen Gruppierung, angeführt von seinen Zieheltern. Als er Julie kennenlernt und sie ungeahnte Gefühle der Liebe und Zugehörigkeit in ihm entfacht, beginnt er an seiner Ideologie zu zweifeln. Seinem zunehmenden Verantwortungsgefühl für ihr Wohl und das ihrer Töchter folgend, sucht er Hilfe beim Menschenrechtsaktivisten Daryle, der neine entscheidenden Stütze in seinem schwierigen Prozess des Ausstiegs wird. Es beginnt ein langwieriger und sehr schmerzhafter Kampf gegen die Dämonen der Vergangenheit.

»Nicht erst seit dem Vorfall in Charlottesville 2017 ist vom Vormarsch der Neo-Nazis in Amerika die Rede. Da kommt Guy Nattivs Film SKIN genau richtig. Mit ganzem Körpereinsatz, geschorenem Schädel und einem Gesicht, das großflächig mit martialischen Tattoos bedeckt ist, spielt sich Jamie Bell bisweilen in einen beeindruckenden Rausch aus Zweifeln und Selbsthass. Dass auch unter der harten Schale immer ein zartes, verletzliches Wesen zu erkennen ist, macht die Zerrissenheit Bryons spürbar und glaubwürdig.« (Michael Meyns, kino-zeit.de)

USA 2018 · R & Db: Guy Nattiv · K: Arnaud Potier • Mit Jamie Bell, Danielle Macdonald, Vera Farmiga, Bill Camp, Mike Colter u.a. · ab 16 J. · engl.OmU · 118′

Mo 2. November 2026 • 18:00 Uhr
im Cinema (kleiner Saal)

Plakat: Skin

Rechtsextremismus, rassistische und antisemitische Ideologien, Gewalt, Selbsthass.

Lesung: Kleine Dinge wie diese

Erzählung von Claire Keegan

XXX

Lesung von Sebastian Aperdannier und Jens Schneiderheinze ·Musik: Boris Becker

Fr 13. November 2026 • Einlass: 19:00 Uhr / Beginn: 19:30 Uhr
neben*an, Warendorfer Str. 45-47, Münster
mobile FM-Anlage
Eintritt: 10 € / ermäßigt 8 €

Körperliche Gewalt, Überfall, Kriminalität, Täter-Opfer-Konfrontation, emotionale Belastung.

Kleine Dinge wie diese

kraftvolles Drama über Abhängigkeit und Verantwortung

1985: Das Leben in der irischen Grafschaft Wexford ist von Armut, harter Arbeit und dem Katholizismus geprägt. Bill Furlong arbeitet als Kohlenhändler, um seine Frau Eileen und seine fünf Kinder durchzubringen. Kurz vor Weihnachten liefert er Kohle ans örtliche Nonnenkloster aus und beobachtet dabei die Zwangseinlieferung eines schwangeren Mädchens. Bill, der selbst als uneheliches Kind ohne Vater aufwuchs, kommt gewaltigen Missständen bei den Ordensschwestern auf die Spur. Doch die Behörden und Einwohner des Ortes wagen es nicht, sich gegen die übermächtige Kirche aufzulehnen.

Nach seinem Triumph in OPPENHEIMER brilliert Cillian Murphy erneut in einer vielschichtigen Rolle in einem Drama, das unter die Haut geht. Nach seiner Weltpremiere als Eröffnungsfilm der Berlinale wurde KLEINE DINGE WIE DIESE mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der stark gespielte Kritiker- und Publikumsliebling basiert auf dem Bestseller von Claire Keegan und wurde in düsteren Bildern von Tim Mielants einfühlsam inszeniert.

„Cillian Murphy ist großartig als von Schuld verfolgter Mann in diesem zurückhaltenden, aber kraftvollen irischen Berlinale-Eröffnungsfilm.« – The Hollywood Reporter

SMALL THINGS LIKE THESE Irland, Belgien 2024 · R: Tim Mielants · Db: Enda Walsh · K: Frank van den Eeden • Mit Cillian Murphy, Eileen Walsh, Michelle Fairley, Emily Watson, Clare Dunne · ab 12 J. · 96′

Mo 16. November 2026 • 18:00 Uhr
im Cinema (kleiner Saal)

Religiöser Machtmissbrauch, Zwangsunterbringung, Schwangerschaft Minderjähriger, emotionale Belastung.

Touch

Erinnerungen an eine glückliche Liebe

Als junger Mann verliebte sich der isländische Student Kristófer in London in die Tochter seines damaligen Chefs, die Japanerin Miko. Diese verschwand jedoch plötzlich – und damit auch aus seinem Leben. Rund 50 Jahre später lebt Kristófer längst wieder in seiner Heimat Island. Als eine unheilbare Krankheit bei ihm diagnostiziert wird, lässt der inzwischen verwitwete Mann sein Leben Revue passieren. Was, wenn die Dinge damals anders verlaufen wären? Nichts wünscht er sich mehr, als Miko wiederzufinden, bevor es zu spät ist. Schließlich reist er nach London und von dort aus weiter nach Japan.

Baltasar Kormákur erzählt eine bewegende Geschichte über Erinnerung, Verlust und die Kraft der ersten Liebe. In ruhigen Bildern entfaltet sich eine Liebesgeschichte, die weit über romantische Sehnsüchte hinausgeht. Der Film verbindet persönliche Schicksale mit historischen Erfahrungen und spannt einen Bogen von den späten 1960er-Jahren bis in die Gegenwart. Dabei verwebt Kormákur Themen wie kulturelle Identität, Familiengeheimnisse und die Nachwirkungen historischer Traumata zu einem feinfühligen Drama. Der Film ist eine Hommage an die Vergänglichkeit des Lebens und an die Hoffnung, dass manche Verbindungen selbst die Zeit überdauern können.

Island 2024 · R: Baltasar Kormákur · Db: Ólafur Jóhann Ólafsson, Baltasar Kormákur · K: Bergsteinn Björgúlfsson • Mit Egill Ólafsson, Kōki, Pálmi Kormákur, Masahiro Motoki, Yoko Narahashi · ab 12 J. · engl./jap./isl.OmU · 122′

Mo 14. Dezember 2026 • 18:00 Uhr
im Cinema (kleiner Saal)

Schwere Krankheit, Verlust, Trauer, Erinnerungen an vergangene Traumata.