Chile: 50 Jahre nach dem Putsch
Am 11. September 1973 putschte das Militär unter General Pinochet gegen die demokratisch gewählte Regierung von Salvador Allende.
Die Junta unter Augusto Pinochet regierte Chile daraufhin bis zum 11. März 1990 als Diktatur. Unter anderem der US-amerikanische Geheimdienst CIA war in den Putsch und die Vorbereitung involviert. Auch nach dem Putsch unterstützten die USA den Diktator Pinochet und hielten zu der undemokratischen Regierung. Die Zahlen der Todesopfer variieren sehr stark zwischen 1.200 und 30.000. Dazu kommen Opfer von Folter, Verschleppung, Zwangsadoptionen …
Bis heute sind die Wunden der Diktatur in der chilenische Gesellschaft vorhanden. Täter*innen laufen ohne Strafverfolgung frei herum, Verbrechen wurden nicht aufgeklärt, Opfer bleiben verschwunden. Einen gesellschaftlichen Konsens über die Verbrechen gegen die Bevölkerung ist nicht vorhanden, die zu einer eindeutigen Verurteilung des Geschehen und zu der Entwicklung einer freien, demokratisch gesicherten Gesellschaft führen.
Wir zeigten in der Vergangenheit schon mehrfach Filme zu diesem Thema. 50 Jahre nach dem Putsch wollen wir mit drei Filmen den Blick auf die Zeit nach der Diktatur richten:
Mi Pais Imaginario – Das Land meiner Träume
Chile im Aufbruch?
Eines Tages und ohne Vorwarnung, brach eine Revolution aus. Es war das Ereignis, auf das der Dokumentarfilmer Patricio Guzmán sein ganzes Leben lang gewartet hatte: anderthalb Millionen Menschen auf den Straßen von Santiago de Chile, die Gerechtigkeit, Bildung, Gesundheitsversorgung und eine neue Verfassung forderten, welche die strengen Regeln ersetzen sollte, die dem Land während der Militärdiktatur Pinochets auferlegt worden waren.
MI PAÌS IMAGINARIO zeigt aufwühlende Aufnahmen von Protesten an vorderster Front und Interviews mit engagierten Aktivistenführer*innen und stellt auf eindrucksvolle Weise eine Verbindung zwischen der komplizierten und blutigen Geschichte Chiles, den aktuellen revolutionären sozialen Bewegungen und der Wahl eines neuen Präsidenten her.
„Wie war es möglich, dass ein ganzes Volk siebenundvierzig Jahre nach Pinochets Putsch in einem so genannt sozialen Aufstand erwachte, einer richtiggehenden Rebellion, gar einer Revolution? – Für mich war es ein Rätsel. Also ging ich diesem Geheimnis nach und filmte, wie es sich auf die Stimmung, die Luft, die Emotionen und Gefühle der Menschen in meinem Land auswirkte.“ (Patricio Guzmán)
Frankreich/Chile 2022 · R & Db: Patricio Guzman · K: Samuel Lahu • Mit Youssef Suleiman Mohammed, · keine Angabe J. · span.OmU · 83′
Mo 11. und Di 12. September 2023 • 18:15 Uhr mit anschl Gespräch mit Isabel Lipthay, chilenische Journalistin, Autorin & Musikerin
Patricio Guzmán
Regie, Drehbuch, Kamera, Schnitt, Produzentin
Geboren 1941 in Santiago de Chile.
Studium der Geschichte und Philosophie an der Universidad de Chile und in den Jahren 1963 bis 1966 am Filminstitut der Katholischen Universität von Chile.
Danach ging er nach Madrid und schloss dort an der Escuela Oficial de Cine mit der Prüfung als Filmregisseur ab.
Guzmán wurde praktisch Chronist der Diktatur und filmischer Widerstandskämpfer gegen Pinochet.
Filmografie (Auswahl)
· 1971: Primer Año
· 1972: La Respuesta de octubre
· 1975: La Batalla de Chile: La Insurrección de la burguesia (Der Aufstand der Bourgeoisie)
· 1977: La Batalla de Chile: El golpe de estado (Der Staatsstreich)
· 1979: La Batalla de Chile: El poder popular (Die Macht des Volkes)
· 2004: Salvador Allende
· 2010: Nostalgia de la Luz (Nostalgie des Lichts)
· 2015: El botón de nácar (Der Perlmuttknopf)
· 2019: La Cordillera de los suenos
Haydee und der fliegende Fisch
Der Fall Haydee Oberreuter
1975 wird die damalige Widerstandskämpferin gegen die diktatorische Junta Haydee Oberreuter und ihre einjährige Tochter verhaftet.
Vier Geheimdienstagenten der chilenischen Marine folterten die schwangere Frau so stark, dass sie ihr ungeborenes Kind verlor.
Oberreuter erzählt, wie die ehemaligen Geheimdienstagenten, nachdem ihre Folter für den Schwangerschaftsabbruch gesorgt hatte, ihr mit einem Messer den Körper aufschnitten, um ihr noch weiteren möglichst großen Schaden zuzufügen. „Doch das hat mir weder Angst eingejagt noch Schmerzen bereitet, sondern mir die Kraft gegeben, mich der Diktatur entgegenzustellen. Deshalb habe ich für Gerechtigkeit für die Opfer von Menschenrechtsverletzungen gekämpft, die während der Militärdiktatur begangen wurden“, sagt sie.
Die Dokumentation erzählt die Geschichte der Verurteilung von vier ehemaliger Geheimdienstagenten. Es war seinerzeit das erste Urteil wegen Folter an einer Schwangeren in Chile gewesen. Der Prozess zwischen Oberreuter und der Marine dauerte 10 Jahre. Das Gericht entschied damals zugunsten der chilenischen Menschenrechtsaktivistin.
„Die chilenische Regisseurin Pachi Bustos hat diesen Film gedreht, um einen Teil meiner sehr persönlichen Geschichte in Bildern zu erzählen“, sagt Oberreuter. Oberreuter hatte ihre Erlebnisse während der Militärdiktatur erst der chilenischen Journalistin Alejandra Matus erzählt. Der Anwalt Vicente Bárzana war von ihrer Geschichte so bewegt, dass er, ohne Oberreuter zu kennen, Anzeige wegen Verbrechen gegen die Menschheit stellte.
„Chile steht bei einer ganzen Generation in der Schuld. Im Gegensatz zu anderen Ländern des Conosur wurde in Chile nie nach den Kindern gesucht, die Opfer der Diktatur wurden“, hob Oberreuter hervor.
Haydee y el pez volador · Chile/Brasilien 2019 · R: Pachi Bustos · Db: Pachi Bustos, Paola Castillo · spanOmeU · 76′
Mi 11. Oktober 2023 • 18:15 Uhr mit einer Einführung von Barbara Imholz, Institut für Theologie und Politik

Pachi Bustos
ist eine chilenische Filmregisseurin und Drehbuchautorin.
Sie studierte Journalismus an der Universidad Diego Portales.
Bustos hat bei mehreren chilenischen Dokumentarfilmen Regie geführt und ist vor allem für Cuentos sobre el futuro bekannt, einen Film, für den sie 2012 beim SANFIC-Festival und 2013 mit dem Pedro-Sienna-Preis für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde.
Filmografie (Regie)
- 2019: Haydee y el pez volador
- 2012: Cunetos sobre el Futuro
- 2007: Ángeles negros (Co-Regie mit Jorge Leiva)
- 2004: Actores secundarios (Co-Regie mit Jorge Leiva)
- 2000: Video sombra: de la galaxia a la modelo
Die unendliche Erinnerung
Liebevolles Porträt des chilenischen Journalisten und Autors Augusto Góngora
Nach 20-jähriger, erfüllter Beziehung heiraten der bekannte chilenische Journalist und Autor Augusto Góngora und die Schauspielerin und spätere Kultusministerin von Chile, Paulina Urrutia. Als 2014 bei Góngora Alzheimer diagnostiziert wird, beginnt seine Frau, alltägliche Momente auf Video aufzunehmen. Die Mischung aus TV-Archivmaterial, älteren privaten Videoaufnahmen und aktuell gedrehten Szenen lässt das zärtliche Porträt einer Liebesbeziehung entstehen, in der kleine Gesten und Blicke eine stärkere Intimität auszudrücken vermögen als Worte. Aber auch Momente der Entfremdung und des Schmerzes werden nicht ausgespart. Mittels einer kollagenhaften Montage, die den Film wie eine Reise durch die Stationen eines bewegten Lebens erscheinen lässt, zeichnet Maite Alberdi die Geschichte eines Mannes nach, der zeitlebens gegen das kollektive Vergessen angeschrieben hat.
»Die Balance zwischen persönlicher Reflexion und historischem Bewusstsein……die warme, sanfte Note von Alberdis Filmemachen« Variety
»Erfrischender, lebensbejahender Blick auf den Verlust« Paste Magazine
LA MEMORIA INFINITA Chile 2023 · R: Maite Alberdi · Db: Maite Alberdi • Mit Augusto Góngora, Paulina Urrutia u.a. · ab 0 J. · span.OmU · 85′
Di 14. November 2023 • 18:15 Uhr mit anschl. Gespräch mit Isabel Lipthay, chilenische Journalistin, Autorin & Musikerin

Maite Alberdi
geboren 1983 in Santiago de Chile, chilenische Filmproduzentin und Regisseurin, Dokumentarfilmerin, Drehbuchautorin und Filmkritikerin
Abschluss in Ästhetik und einen in Sozialer Kommunikation der Päpstlichen Katholischen Universität von Chile.
Als Regisseurin interessiert sich Maite Alberdi für die intime Darstellung der Charaktere, arbeitet oft über mehrere Jahre mit ihnen zusammen und pflegt eine dauerhafte Beziehung. Ihr Stil wurde durch alltägliches Geschichtenerzählen in kleinen Welten erreicht, wobei gleichzeitig große Aufmerksamkeit auf die Normalisierung von Charakteren gerichtet wurde. Gleichzeitig wurden verschiedene Probleme im Zusammenhang mit Behinderung, Marginalisierung hervorgehoben und häufig Momente beobachtet, die normalerweise im Film privat bleiben.
Filmografie (Auszug)
- 2020: Der Maulwurf – ein Detektiv im Altersheim (Shortlist bester Dokumentarfilm der Oscars)
- 2018: Los Reyes
- 2016: Los niños
- 2015: Vida sexual de las plantas
- 2014: Propaganda
- 2014: La once
- 2011: Verano