Maple Movies 2026
Rendezvous Québec
Für Jahrzehnte war das Bild der „deux solitudes“ ein umstrittenes und dennoch populäres Motiv in der Selbstbetrachtung der kanadischen Gesellschaft: „Zwei Einsamkeiten“ beschrieb dabei nicht nur das (Nicht)-Verhältnis zwischen dem frankophonen Québec und den anglophonen Provinzen des Landes, sondern vermittelte willkürlich auch eine diffuse Vorstellung von zwei in sich geschlossenen, kulturell, sozial und ethnisch weitgehend homogenen Entitäten.
Doch ab Ende des 20. Jahrhunderts wurden zunehmend andere, neue Selbstbilder sichtbarer, die dieser monolithischen, noch von der kolonialen Gründungsgeschichte Kanadas geprägten Weltsicht widersprachen. Vormals marginalisierte Stimmen verschafften sich nicht nur politisch Gehör, sie artikulierten sich ausdruckstark in Literatur, bildender Kunst und insbesondere im Kino. Heute berichten Filmerzählungen von den oft traumatischen Erfahrungen der indigenen Bevölkerung ebenso wie von der aktuellen Lebenswirklichkeit von Migrant:innen im historischen Einwanderungsland Kanada; sie schildern den Alltag queerer Menschen, das Ringen um Emanzipation und Wahrnehmung in komplexen sozialen Strukturen und die Identitätssuche vermeintlicher Außenseiter. Das macht das zeitgenössische Cinéma Québecois und seine Filmschaffenden so vielfältig und vielstimmig wie die Gesellschaft, aus der er es kommt und deren Realität seine Filme reflektieren.
Unter dem Titel „La Face de la diversité“ widmet sich die zweite Retrospektive Rendez-vous Québec dieser künstlerischen Vielfalt mit einer Auswahl herausragender Filme aus den letzten drei Jahren sowie moderner Klassiker des Cinema Québecois. Die Themen und Genres sind dabei so divers wie die Persönlichkeiten vor und hinter der Kamera, was die Filme indes verbindet, ist ihr mitreißendes Plädoyer an das Publikum, sich selbst neue Perspektiven zu eröffnen, die unsere gemeinsame Welt reicher machen.
C.R.A.Z.Y. – Verrücktes Leben
Popkulturelle Coming of Age-Geschichte
Heiligabend 1960: Mitten in den Weihnachtsfeierlichkeiten kommt Zachary „Zac“ Beaulieu in Quebec zur Welt. Weniger festlich, dafür umso turbulenter ist der Alltag der Familie Beaulieu in den folgenden zwei Jahrzehnten, denn Zac und seine vier Brüder – Christian, Raymond, Antoine und der einige Zeit nach Zac geborene Yvan – buchstabieren sich nicht umsonst mit ihren Namensanfängen C.R.A.Z.Y.
Vor dem Hintergrund der soziopolitischen Révolution tranquille, die das katholisch-konservative Quebec transformierte, und der Pop- und Protestkultur der Sechziger und Siebziger Jahre geraten insbesondere Zac und sein impulsiver Vater Gervais zunehmend aneinander, und ihr Konflikt spitzt sich mit Zacs eigener sexueller Identitätssuche dramatisch zu.
Mehrere Jahre arbeiteten Regisseur Jean-Marc Vallée und Co-Autor François Boulay (auf dessen Jugenderinnerungen der Film basiert) am Drehbuch für diesen modernen Meilenstein des Cinéma Québécois, der 2015 vom Toronto International Film Festival in die Top Ten der zehn besten kanadischen Filme aller Zeiten aufgenommen wurde. Für Vallée, der 2021 im Alter von nur 58 Jahren verstarb, war das lebensbejahende Generationenporträt zwischen Coming-of-Age und Coming Out das Ticket nach Hollywood, und 20 Jahre nach seiner Uraufführung kehrt C.R.A.Z.Y. in einer aufwändigen 4K-Restaurierung endlich auf die Leinwand zurück.
C.R.A.Z.Y. Kanada 2005 · R: Jean-Marc Vallée · Db: François Boulay, Jean-Marc Vallée · K: Pierre Mignot · Musik: David Bowie • Mit Michel Côté, Marc-André Grondin, Danielle Proulx, Emile Vallée, Pierre-Luc Brillant u.a. · ab 12 J. · OmU · 127′
Di 26. Mai 2026 • 18:00 Uhr, Cinema, kleiner Saal
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Kurzfilme von Caroline Monnet
Narrative der indigenen Bevölkerung Quebècs
Im Werk Caroline Monnets trifft die Auseinandersetzung mit Themen und Narrativen der indigenen Bevölkerung Quebècs auf die Sprache des Experimentalfilms. Im Ergebnis entstehen facettenreiche und faszinierende Werke mit Alleinstellungsmerkmal. 10 Kurzfilme wurden gemeinsam mit der Künstlerin zu einer Kurzfilmrolle kompiliert.
THE BLACK CASE
Im Jahr 1930 werden die 8-jährige Elizabeth und ihr kleiner Cousin aufgrund einer Tuberkulose-Epidemie aus ihrer Familie genommen und unter Quarantäne gestellt. Traumatischen Ereignisse tragen sich im Laufe einer Nacht in der Krankenstation einer kanadischen Internatsschule zu.
2014, 13′
MOBILIZE
Beeindruckende Archivaufnahmen zeigen, wie Menschen der kanadischen First Nations aus den Wäldern auf die Dächer der Wolkenkratzer von New York ziehen, die zum Teil von Mohawk-Eisenarbeitern gebaut wurden.
2025, 4′
IKWÈ
Der Experimentalfilm verwebt die intimen Gedanken der Protagonstin Ikwé mit dem traditionellen Wissen ihrer Vorfahrin Moon. Ein surreales Stück über die Kraft von Gedanken und persönlicher Reflexion.
2009, 5′
TSHIUETIN
Ein Blick auf die wichtigen Verbindungen zwischen den indigenen Gemeinschaften und den natürlichen Ressourcen im Norden Kanadas, eine Fahrt durch Nord-Quebec und Labrador – mit der First Nation’s Eisenbahnlinie.
2016, 11′
GEPHYROPHOBIA
Der Outaouais-Fluss als gemeinsame Grenze sorgt für Spannung zwischen zwei sehr unterschiedlichen Identitäten. Und für Gephyrophobie – der Angst vor dem Überqueren von Brücken.
2012, 2′
CEREMONIAL
Hypnotische Collage, die die rituellen Praktiken der indigenen Stämme der First Nation in Nordamerika erforscht.
2018, 3′
EMPTYING THE TANK
Der Film begleitet die Chippewa-Kämpferin Ashley Nichols und beleuchtet die innere Stärke und Hingabe, die erforderlich sind, um auf so hohem Niveau zu bestehen.
2018, 4′
ROBERTA
Mit Amphetaminen und Alkohol versucht Roberta, Hausfrau und Großmutter, die Langeweile zu bekämpfen, die die konformistische Gesellschaft, in der sie lebt, in ihr hervorruft.
2014, 18′
CREATURA DADA
Sechs mächtige indigene Frauen, ein Festmahl, eine Versammlung. Mit Opulenz feiert diese lebhafte Fantasie das Ende der Welt, wie wir sie kennen, und den damit verbundenen Neuanfang.
2017, 3′
PIDIKWE
Visuelle Reise von indigenen Frauen verschiedener Generationen, ausgedrückt durch traditionellen und modernen Tanz. Der Film überquert die Grenzen von Kino und Performance und wird so zu einer Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft.
2025, 10′
Kanada 2026 · R: Caroline Monnet · gesamt 79′
Di 23. Juni 2026 • 18:00 Uhr Cinema, kleiner Saal
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Falcon Lake
Comic-Adaption über eine ungleiche Freundschaft
Mit seiner Familie verbringt der 13-jährige Bastien aus Paris den Sommer an einen See in Laurentides, einer an Natur reichen Region Quebecs. Die Gastgeberin, eine alte Freundin seiner Eltern, quartiert Bastien und seinen kleinen Bruder im Zimmer ihrer 16-jährigen Tochter Chloé ein. Chloés grunddunkle Stimmung passt indes so gar nicht zur sonnendurchfluteten Umgebung: Sie raucht, trinkt und füllt ihre Langeweile mit morbiden Selbstinszenierungen als Leiche und spröden Flirts mit den Jungen der Gegend. Bastien ist fasziniert von dem älteren Mädchen, das ihn zunächst nur zu dulden scheint, doch allmählich entwickelt sich eine verschlüsselte Vertraut- und Verbundenheit zwischen den beiden Jugendlichen. Aber wie in den Gespenstergeschichten vom See, die Chloé so eindringlich erzählt, legt sich ein diffuser Schatten über das fragile Sommeridyll.
Mit ihrer betörenden wie beklemmenden Adaption des Comics „Une Soeur“ von Bastian Vivès gelang Regisseurin Charlotte Le Bon ein fulminantes Spielfilmdebüt, das in zeitloser 16mm-Optik den Zauber und Horror der Adoleszenz einfängt und meisterhaft zu einem lange nachhallendem Kinoereignis verdichtet.
Kanada, Frankreich 2022 · R: Charlotte Le Bon · Db: Charlotte Le Bon, François Choquet, Bastien Vivès · K: Kristof Brandl • Mit Joseph Engel, Sara Montpetit, Monia Chokri, Arthur Igual · ab 12 J. · OmU · 100′
Di 28. Juli 2026 • 18:00 Uhr Cinema, kleiner Saal
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Paul
Furcht- und kompromisslose Dokumentation
Paul leidet unter Depressionen und Sozialphobien, und um seinen einsamen Alltag zu bewältigen, hat der übergewichtige „Alice im Wunderland“-Fan für sich feste Routinen etabliert. Die verlässliche Kontrolle, die er im analogen Leben vermisst, findet Paul stattdessen in seinem Instagram-Profil, denn in der virtuellen Social Media-Bubble kann er sein Image und die Wahrnehmung seiner Person steuern und gestalten. Und seine suchtartige Selbstinszenierung gebiert eine ungewöhnliche Beschäftigungstherapie: Als devoter „Cleaning Simp Paul“ dient er sich dominanten Frauen als Putzkraft an, was ihm den Ausbruch aus seinen starren Gewohnheiten ermöglicht, aber zugleich auch seine obsessive Online-Fixierung verstärkt. Unter dem Motto „Cleaning to Save My Life“ veröffentlicht Paul permanent Insta-Reels von seinen unterwürfigen Putzeinsätzen, getrieben von der Sehnsucht nach Sicherheit und der Hoffnung, durch Erfüllung der Domina-Wünsche selbst sein Glück zu finden.
Furcht- und kompromisslos wie stets nähert sich Filmemacher Denis Côté in dieser dokumentarischen Arbeit einer vermeintlich randständigen Existenz, ohne den Lebensentwurf seines Protagonisten zu werten oder Paul und sein Milieu voyeuristisch auszustellen. Das Ergebnis ist eine überaus hellsichtige und überraschend berührende Reflexion über das das menschliche Bedürfnis nach einem geschützten Platz in der Welt.
Kanada 2025 · R: Denis Côté · Db: Denis Côté · K: Vincent Biron, François Messier-Rheault • Mit Cleaning Simp Paul · keine Altersangabe · OmeU · 87′
Di 25. August 2026 • 18:00 Uhr Cinema, kleiner Saal
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Universal Language
Journalist*innen enthüllen Netz aus Korruption und Betrug
Warum statt Englisch oder Französisch nicht einfach Farsi als Universalsprache? Womöglich ließ sich so der tradierte Geltungsstreit zwischen Anglo- und Frankophonie in Kanada in friedliches Wohlgefallen auflösen, imaginiert UNE LANGUE UNIVERSELLE neben vielen anderen wunder- und sonderbaren Szenarien. Doch die vielen Protagonist*innen des polyglotten Films ringen zwischen Winnipeg und Montréal nicht allein mit Kommunikationsproblemen: Die Schülerinnen Negin und Nazgol etwa entdecken einen im Eis eingefrorenen Geldschein, der freigelegt werden will. Ihr Mitschüler Omid braucht derweil dank eines diebischen Vogels dringend eine neue Brille, während Fremdenführer Massoud seine Kundschaft durch den tiefsten Winter zu betonklotzigen Sehenswürdigkeiten schleppt. Zur gleichen Zeit bittet in Québec ein zurückhaltender Regierungsbeamter erfolgreich um Versetzung nach Manitoba, was für ihn eine kleine Odyssee im Überlandbus bedeutet. Und welche Rolle spielen die in vielerlei Form und Zustand auftretenden Truthähne in diesem vermeintlich disparaten, aber dann verblüffend (ein)stimmigen Reigen
Leichthändig, voll satirischer Verve und zugleich mit großer Wärme vermählt Rankin die Symbolkraft iranischen Autorenkinos mit der westlichen Zivilisationskomik und -kritik Jacques Tatis sowie einer ureigen kanadischen Sensibilität zum rundum einehmenden Plädoyer für die Universalsprache Film.
UNE LANGUE UNIVERSELLE Kanada 2024 · R: Matthew Rankin · Db: Ila Firouzabadi, Pirouz Nemati, Matthew Rankin · K: Isabelle Stachtchenko • Mit Rojina Esmaeili, Saba Vahedyousefi, Danielle Fichaud,Mani Soleymanlou, Pirouz Nemati, Sobhan Javadi · OmU · 89′
Di 22. September 2026 • 18:00 Uhr Cinema, kleiner Saal
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Archiv: Rendezvous Québec - Maple Movies 2026



























