Mutter-Söhne
In der 3. Auflage von „Männerfilmen“ im Linsenprogramm, widmen wir uns nach „Väter und Söhne“, sowie „Männerl(i)eben“ nun in einer weiteren siebenteiligen Filmreihe der Bedeutung und dem Einfluss von Müttern auf die Identitätsbildung und damit auf das Leben ihrer Söhne. Die naturgemäß „erste Frau“ im Leben eines jeden Mannes ist die eigene Mutter. Je nach ihren eigenen individuellen Erfahrungen, Entwicklungsprozessen sowie gesellschaftlichen und historischen Umständen kann sich ein Kaleidoskop unterschiedlichster Rollen in der Mutter-Sohn- (und auch -Tochter) Beziehung auffächern, welches die neue Filmreihe „Mütter und Söhne“ versucht abzubilden.
Nach der erfolgreichen Verknüpfung von Literatur und Film ( „Das 3. Licht“ von Claire Keegan/ „The quiet girl“ von Colm Bairead) im vergangenen Jahr wird es auch in der aktuellen Reihe wieder eine Lesung der literarischen Vorlage eines Films geben auf die dann die Verfilmung folgt. Diesmal „Sommer mit Fremden“ von Taichi Yamada gefolgt vom Film „All of Us Strangers“ von Andrew Haigh.
Die Reihe beginnt am 22. September und endet am 15. Dezember.
Zu Beginn eines jeden Films geben die Kuratoren Sebastian Aperdannier und Jens Schneiderheinze wieder Einblicke in ihre Auswahlentscheidungen und moderieren ein kurzes Nachfilmgespräch.
Die Filmreihe wird gefördert vom Amt für Gleichstellung der Stadt Münster.
Antigone
Große Herausforderungen für die starke Schwester
Nach dem gewaltsamen Tod der Eltern und ihrer Flucht aus Algerien lebt die 16-jährige Antigone Hipponomes mit ihren drei Geschwistern und ihrer Großmutter in Quebec. Während Antigone sich als exzellente Schülerin beweist, lässt sich ihr Bruder Polynice mit einer Straßengang ein. Bei einer fatalen Begegnung mit der Polizei wird Polynice verhaftet, woraufhin ihm die Abschiebung aus Kanada droht. Überzeugt, dass ihr Bruder in Algerien nicht überleben würde, fasst Antigone einen gleichermaßen kühnen wie gefährlichen Rettungsplan. Zu Recht wurde ihre kämpferische Klassiker-Adaption 2019 beim Toronto International Film Festival als Bester kanadischer Film ausgezeichnet. »Der klassische und universelle Kampf wird hier hauptsächlich über soziale Medien geführt – die herzliche Solidarität in der viralen Welt, dargestellt in videoclipartigen Impressionen, widerspricht den kalten Regeln des Systems. Antigone ist ein Leuchtfeuer der Hoffnung, dessen autonome Persönlichkeit Respekt einflößt, Bewunderung hervorruft und eine Bewegung in Gang setzt, in der die Menschlichkeit Angst und Gleichgültigkeit besiegt.« (International Film Festival Rotterdam)
Kanada 2019 · R: Sophie Deraspe · Db: Sophie Deraspe · K: Sophie Deraspe • Mit Nahéma Ricci, Rawad El-Zein, Antoine DesRochers u.a. · arab./franz.OmU · 109′
Mo 22. September 2025 • 18:00 Uhr im Cinema (kleiner Saal)

Jack
Auf der Suche nach der Mutter
JACK ist zehn Jahre und noch nicht lange im Heim. Es ist Sommer. Die Vorfreude auf die Ferien ist groß. Doch am letzten Schultag wird er nicht abgeholt. Seine Mutter Sanna (26) ruft an und vertröstet ihn. Jack bleibt mit Danilo und den Erziehern allein zurück. Es kommt zum Streit, bei dem er seinen Mitbewohner verletzt. Verängstigt läuft er nach Hause, um Schutz bei seiner Mutter zu suchen. Doch niemand macht ihm die Tür auf. Sanna ist nicht da. Nachdem Jack seinen sechsjährigen Bruder Manuel von einer Freundin abgeholt hat, machen sie sich gemeinsam auf die Suche nach ihrer Mutter. Über mehrere Tage ziehen sie durch die Stadt und folgen ihrer Spur. Dabei scheint es niemandem aufzufallen, dass sie ganz allein sind. Eines Nachts brennt Licht in ihrer Wohnung. Jack und Manuel rennen nach Hause, wo ihre Mutter sie in die Arme schließt. Gemeinsam essen sie zu Abend. Jack versucht sich mitzuteilen, doch Sanna hört nicht zu… »Bedingungslos folgt die mobile Kamera den Gängen des Jungen, heftet sich ihm immer wieder an die Fersen, zeigt ohne zu große dramatische Zuspitzungen die Verlorenheit des Kindes, sein ungeheures Verantwortungsgefühl, die Verzweiflung und die immer wieder aufscheinenden Hoffnungsschimmer, die Jack seine Reise überstehen lassen. […] Ivo Prietzckers engagiertes, niemals übertriebenes und völlig glaubwürdiges Spiel verleiht diesem Film das gewisse Etwas, das dafür sorgt, dass man diese Geschichte nicht so schnell vergisst.« (Joachim Kurz, kino-zeit.de) »Es ist die Sichtweise eines Kindes, die man selten bis nie im deutschen Kino so sieht: Ungeschönt, desillusioniert und dennoch durch die bedingungslose Nähe und Zärtlichkeit für Jack ungeheuer faszinierend. Wie gebannt folgt man dem Weg des Jungen, bangt und hofft mit ihm, wird immer wieder aufs Neue enttäuscht, ohne dabei Sanna moralisch zu verurteilen. Eine Balance, die kaum ein Film mit solch einem schwierigen Thema jemals derart gekonnt hinbekommt. Ein Meisterwerk!« (FBW Prädikat Besonders wertvoll)
Deutschland 2014 · R: Edward Berger · Db: Edward Berger, Nele Mueller-Stöfen · K: Jens Harant • Mit Ivo Pietzcker, Georg Arms, Luise Heyer, Nele Mueller-Stöfen, Vincent Redetzki u.a. · ab 6 J. · 102′
Mo 6. Oktober 2025 • 18:00 Uhr im Cinema (kleiner Saal)

Empire Of Light
Eine zufällige Mutter-Figur
Anfang der 1980er Jahre im beschaulichen Seebad Margate an der Ostküste Englands: Im Mittelpunkt steht Hilary (Olivia Colman), die als Kino-Managerin mit psychischen Problemen kämpft, sowie Stephen (Micheal Ward), ein neuer Mitarbeiter, der davon träumt, diesem provinziellen Ort zu entkommen, an dem er aufgrund seiner Hautfarbe täglich mit Anfeindungen konfrontiert ist. Stephen träumt im Thatcher-England davon, Architektur zu studieren, was in dieser Zeit für jemanden wie ihn ein fast unerreichbares Ziel darstellt. Hilary und Stephen finden durch ihre ungewöhnliche und liebevolle Beziehung zueinander ein Gefühl der Zugehörigkeit und erleben die heilende Kraft der Musik, des Kinos und der Gemeinschaft. »Sein Solo-Drehbuchdebüt zeigt, dass nicht in jedem Kinomeister auch ein Autorenfilmer steckt, der einen Film ganz aus sich heraus schöpfen kann. Warum man sich „Empire of Light“ trotzdem gut ansehen kann? Weil Mendes‘ Qualitäten als Regisseur voll präsent sind; weil Kameramann Roger Deakins traumhaft schöne Bilder macht; und weil man Olivia Colman ohnehin in jeder Rolle liebt. Am Ende darf die von ihr gespielte Hilary natürlich doch noch im Kinosaal sitzen, der Vorführer hat nur für sie Hal Ashbys Film „Being There“ eingelegt. „Life is a state of mind“, meint Peter Sellers als dauerfernsehender Mr. Chance darin einmal. Und damit ist auch für Hilary alles gesagt.« Josef Grübl, Süddeutsche Zeitung
Großbritannien, USA 2022 · R: Sam Mendes · Db: Sam Mendes · K: Roger Deakins • Mit Olivia Colman, Micheal Ward, Tom Brooke, Tanya Moodie, Hannah Onslow, Crystal Clarke, Toby Jones, Colin Firth · OmU · 119′
Mo 20. Oktober 2025 • 18:00 Uhr im Cinema (kleiner Saal)

Sterben
Über die Intensität des Lebens angesichts der Unverschämtheit des Todes
Alles dreht sich um die Familie Lunies, die schon lange keine mehr ist. Erst als der Tod, der alte Bastard, auftaucht, begegnen sie sich wieder. Lissy Lunies (Corinna Harfouch), Mitte 70, ist im Stillen froh darüber, dass ihr dementer Mann langsam dahinsiechend im Heim verschwindet. Doch ihre neue Freiheit währt nur kurz, denn Diabetes, Krebs, Nierenversagen und beginnende Blindheit geben ihr selbst nicht mehr viel Zeit. Im Zentrum dieses Panoptikums der Todgeweihten aber steht ihr Sohn, der Dirigent Tom Lunies (Lars Eidinger), Anfang 40. Mit seinem depressiven besten Freund Bernard (Robert Gwisdek) arbeitet er an einer Komposition namens „Sterben“, und der Name wird zum Programm. Gleichzeitig macht ihn seine Ex-Freundin Liv (Anna Bederke) zum Ersatzvater ihres Kindes, das eigentlich auch sein eigenes hätte sein können. Toms Schwester Ellen (Lilith Stangenberg) beginnt währenddessen eine wilde Liebesgeschichte mit dem verheirateten Zahnarzt Sebastian (Ronald Zehrfeld). Die beiden verbindet die Liebe zum Alkohol, denn nichts befreit mehr als ein trockener Martini. Sie verweigert es, im System zu funktionieren, und wählt stattdessen die Lust und den Rausch. Aber alles im Leben hat seinen Preis. STERBEN ist ein Film über die Intensität des Lebens angesichts der Unverschämtheit des Todes. Er ist zart und brutal, absurd lustig und todtraurig, furchtbar bitter und manchmal überraschend schön.
Deutschland 2024 · R: Matthias Glasner · Db: Matthias Glasner · K: Jakub Bejnarowicz • Mit Lars Eidinger, Corinna Harfouch, Lilith Stangenberg, Ronald Zehrfeld, Robert Gwisdek, Anna Bederke u.a. · ab 16 J. · 177′
Mo 27. Oktober 2025 • 19:00 Uhr im Cinema (kleiner Saal)
Nowhere Special
Die beste Mutter gesucht
Rumänien/Italien/Großbritannien 2020 · R: Uberto Pasolini · Db: Uberto Pasolini · K: Marius Panduru • Mit James Norton, Daniel Lamont, Valene Kane, Bernadette Brown, Chris Corrigan u.a. · ab 6 J. · engl.OmU · 96′
Mo 10. November 2025 • 18:00 Uhr im Cinema (kleiner Saal)

Sommer mit Fremden
Lesung
Als seine Ehe zerbricht, gerät der einst erfolgreiche Drehbuchautor Harada in eine tiefe Krise. Er zieht sich immer tiefer in eine selbst gewählte Einsamkeit zurück und grübelt über sein Leben nach. Da erfasst ihn plötzlich das beklemmende Gefühl, dass er die Kontrolle über die Realität zunehmend verliert. Ist es möglich, dass er seinen längst verstorbenen Eltern wiederbegegnet ist? Und was hat es mit seiner mysteriösen Geliebten auf sich, deren merkwürdiges Verhalten ihn vor ein Rätsel stellt? Unmerklich gerät Harada in einen gefährlichen Sog, der ihn beinahe das Leben kostet …
Lesung von Sebastian Aperdannier und Jens Schneiderheinze ·Musik: Boris Becker
Fr 21. November 2025 • 19:00 Uhr
b-side • Am Mittelhafen 42 • 48155 Münster mobile FM-Anlage

All of Us Strangers
Der Verlust der Mutter
Adam (Andrew Scott) lebt als Schriftsteller in einem fast leeren Hochhaus im heutigen London und kämpft mit einer Schreibblockade. Er versucht, ein Buch über sein Aufwachsen als homosexueller Teenager in den 1980er Jahren und den Tod seiner Eltern zu schreiben. Eines Abends trifft er zufällig auf seinen mysteriösen Nachbarn Harry (Paul Mescal), der mit seiner spielerischen, offenen und fröhlichen Art seinen einsamen Alltag schnell auf den Kopf stellt. Während sich zwischen den beiden eine Beziehung anbahnt, wird Adam von Erinnerungen an seine Vergangenheit heimgesucht. Er findet sich in der Vorstadt wieder, in der er aufgewachsen ist, und in dem Haus seiner Kindheit, in dem seine Eltern (Claire Foy und Jamie Bell) noch genauso zu leben scheinen wie an dem Tag, an dem sie vor 30 Jahren starben. Als er die Schwelle zu seinem Elternhaus überschreitet, eröffnet sich ihm die Möglichkeit, die Gespräche mit seinen Eltern zu führen, die er in seiner Jugend nicht führen konnte, und dabei alte Wunden zu berühren und möglicherweise zu schließen. „Ich habe mittlerweile genug Filme gemacht, um zu wissen, dass die Menschen unterschiedlich auf Dinge reagieren, aber ich möchte Fragen provozieren und Emotionen hervorrufen. Wir alle waren einmal Kinder, und die meisten von uns werden ihre Eltern verlieren. Viele von uns werden selbst einmal Eltern sein und Kinder haben, die im Handumdrehen erwachsen werden. Viele von uns werden Liebe finden und verlieren und hoffentlich die Liebe wiederfinden, auch wenn sie nicht ewig währt! Und wir alle verstehen die Komplexität und Bedeutung dieser Beziehungen. Wenn man das Kino verlässt, spürt man hoffentlich mehr als alles andere die Kraft der Liebe.“ (Regisseur Andrew Haigh) „Kühl, betörend, traurig, tröstlich, schön: „All Of Us Strangers“ ist ein hypnotisierend-gleitendes Nebeneinander von Traum und Albtraum, Trost und Trauma – ein Gefühlsrausch, der unter die Haut geht.“
USA, Großbritannien 2023 · R: Andrew Haigh · Db: Andrew Haigh · K: Jamie D. Ramsay · Musik: Emilie Levienaise-Farrouch • Mit Andrew Scott, Paul Mescal, Jamie Bell, Claire Foy · engl.OmU · 105′
Mo 1. Dezember 2025 • 18:00 Uhr im Cinema (kleiner Saal)

Der Junge mit dem Fahrrad
Die Bonus-Mutter
„Le gamin au vélo“ ist der zwölfjährige Junge Cyril, der nur einen Wunsch hat: Seinen Vater wiederzufinden, der ihn auf unbestimmte Zeit in einem Kinderheim untergebracht hat, ohne eine Telefonnummer zu hinterlassen. Doch der Vater ist aus seiner Wohnung ausgezogen und meldet sich nicht mehr bei ihm. Bei seiner verzweifelten Suche trifft er auf Samantha, die Besitzerin eines Friseursalons, die sich bereit erklärt, ihn an den Wochenenden bei sich aufzunehmen. Zunächst ist Cyril allerdings kaum in der Lage die Liebe zu erkennen, die Samantha ihm entgegenbringt und ihre Gutmütigkeit muss manche schwere Probe bestehen. Dabei ist es doch gerade diese Liebe, die dem Jungen mit dem Fahrrad am meisten fehlt, um seinen Zorn zu besänftigen. „Der Junge mit dem Fahrrad, ein starkes Plädoyer für den Sieg der Liebe über den grauen Alltag und eine Ode an das Leben, war der fünfte Film der Dardennes im Wettbewerb von Cannes und beweist Kontinuität und sukzessive Perfektionierung ihrer Arbeit, das Feilen an Kleinigekiten, die ihr Werk groß machen.“ (kino.de)
LE GAMIN AU VéLO · Belgien/Italien/Frankreich 2010 · R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne · Db: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne · K: Alain Marcoen • Mit Thomas Doret, Cécile de France, Jérémie Renier, Egon Di Mateo, Fabrizio Rongione, Olivier Gourmet · ab 12 J. · 87′
Mo 15. Dezember 2025 • 18:00 Uhr im Cinema (kleiner Saal)
