| "Es lohnt sich hier
nochmals, Walter Benjamin zu zitieren, für den 'nichts
unergiebiger ist, als eine Wahrheit so auszudrücken, wie sie
gedacht war'. Man kann sich der Wahrheit nur indirekt nähern,
wenn man sie nicht verlieren und sich nicht an einer toten, leeren
Hülle festhalten will. Sogar wenn sich das Indirekte veranlaßt
sieht, just in die Reihen des Direkten zu flüchten, widersetzt es
sich weiterhin der Kohärenz der direkten Lesart. Das ist eine
Form der Indirektheit, mit der ich mich in Surname Viet und mehr
noch in Shoot auseinandersetzen muß. Weil hier notwendigerweise,
unter anderem, ein vielschichtiges Spiel zwischen politischem
Diskurs und poetischer Sprache oder zwischen der direkten Rolle
von Männern und der indirekten von Frauen stattfindet." (Trinh
T. Minh-ha, "Speaking Nearby. Interview von Nancy N.
Chen, in: Hedwig Saxenhuber, Madeleine Bernstorff (Hg.), Trinh
T. Minh-a. Texte, Filme und Gespräche, München,Wien, Berlin
1995, 68)
»Die Realität ist phantastischer, auf
eigentümliche Weise manipulativer und macht einen verrückter als
die Fiktion. Wenn man das versteht, erkennt man die Naivität, die
hinter der Entwicklung einer filmischen Technologie steht, die
einen immer unmittelbaren ›Zugang‹ zur Realität verkündet.
Man durchschaut die Armseligkeit dessen, was Benjamin als ›eine
Wahrheit, ausgedrückt, wie sie gedacht ward‹ beklagte, und man
versteht, warum fortschrittliche Spielfilme sich von
dokumentarischen Verfahren angezogen fühlen und ihnen beständig
Anerkennung zollen. Diese Filme nutzen den ›dokumentarischen
Effekt‹ , sie spielen mit der Erwartung des Zuschauers, um ›Märchen
zu erzählen‹. (Gängige Beispiele für diesen Effekt sind: das
Gefühl, einem wahrhaftig wirkenden, realen Moment beizuwohnen,
der dem gefilmten Subjekt abgetrotzt wurde; das durch die
Instabilität der Handkamera erzeugte Gefühl von Dringlichkeit,
Unmittelbarkeit und Authentizität; der Wochenschau-Look des
grobkörnigen Bildes; und die einer mündlichen Zeugenaussage
ähnliche Qualität des direkten Interviews um nur einige zu
nennen.)
Der Dokumentarfilm kann somit leicht zu
einem ›Stil‹ werden: Er stellt keine Produktionswiese mehr dar
oder eine Haltung dem Leben gegenüber. Statt dessen zeigt sich,
daß er nur ein Teilbereich des Ästhetischen (oder des
Anti-Ästhetischen) ist was er bestenfalls und ohne es
einzugestehen ohnehin immer dort ist, wo er sich innerhalb seiner
realen Grenzen auf eine bloße Kategorie oder eine Reihe
überzeugender Verfahren reduziert. Viele dieser verfahren
erscheinen in der Sprache des Fernsehens heute als so ›natürlich‹,
daß sie ›unbemerkt bleiben‹. So zum Beispiel die Technik der
›persönlichen Bezeugung‹ (ein Star erscheint auf dem
Bildschirm, um für ein bestimmtes Produkt, das er oder sie
benutzt, zu werben); oder die Technik des ›einfachen Volkes‹
(ein Politiker ißt Hot Dogs in der Öffentlichkeit); oder die ›Mehrheits‹-Technik
(sie vermittelt die Botschaft ›Jeder tut es, warum nicht auch
Sie?); oder die Technik des ›abgekarteten Spiels‹ (hier zeigen
Vorbereitungen für eine Umfrage, daß ein bestimmtes
Markenprodukt bei den Bewohnern der jeweiligen Gegend beliebter
ist als jedes andere). (Siehe John Mercer, An Introduction to
Cinematography, Campaign, IL 1968, S.159.)
›Man muß die Realität neu erschaffen,
denn sie läuft davon; die Realität leugnet die Realität. Man
muß sie zuerst interpretieren, neu kreieren... Wenn ich einen
Dokumentarfilm machen, versuche ich dem Realismus einen
künstlichen Aspekt zu geben... Meiner Meinung nach kommt die
Ästhetik eines Dokuments aus seinem künstlichen Aspekt ... es
muß schöner sein als Realismus und daher komponiert sein,... um
ihn einen anderen Sinn zu geben.‹ (Georges Franju, in G. Roy
Levin, Documentary Explorations: Fifteen Interviews with
Film-Makers, Garden City, NY 1971, S.121,128.) Ein Dokumentarfilm,
der sich seiner eigenen Künstlichkeit bewußt ist, bleibt
empfindsam für den Fluß zwischen Fakt und Fiktion. Er bemüht
sich nicht darum, das, was normalerweise als ›nicht-faktisch‹
gilt, zu verbergen und auszuschließen, weil er die wechselseitige
Abhängigkeit von Realismus und ›Künstlichkeit‹ begreift. Er
erkennt die Notwendigkeit, dem Leben im Leben und in seiner
Darstellung eine Gestalt zu geben. Der auf ein bloßes Vehikel
für Fakten reduzierte Dokumentarfilm mag zwar dazu dienen, eine
Sache zu verfechten, aber er stellt selber keine dar; deshalb
setzt sich in ihm das binäre Denksystem einer Trennung von Inhalt
und Form weiter fort.« (Trinh T. Minha-ha, »Die
verabsolutierende Suche nach Bedeutung«, in: Eva Hohenberger,
Bilder des Wirklichen. Texte zur Theorie des Dokumentarfilms,
Berlin 1998,S.313-315; übersetzt aus dem Amerikanischen von Mo
Beyerle, Eva Hohenberger, Original: »The Totalizing Quest of
Meaning« in: Michael Renov (Hg.), Theorizing Documentary,
New York, London 1993, S.90-107)
Shoot for
the Contents, China 1991, 101', Regie & Buch &
Schnitt Trinh T. Minh-ha Kamera Kathleen Beeler
Kamera und Video in China Trinh T. Minh-ha Inszenierung
& Licht Jean-Paul Bourdier Ton Jim Kallett, Lynn
Sachs, Dina Ciraulo Produktion Jean-Paul Bourdier und Trinh
T. Minh-ha mit Ying Lee-Kelley, Dewi Yee, Wu Tian Ming,
Mayfair Yang, Clairmote Moore Kalligrafie & Zeichnung
Fu Wen-Yan Verleih Cinenova, London Women make Movies, New
York
So 19.7.99 20.15 Uhr |