| "Sans Soleil ist
ein Film, der Fragen aufwirft, und seine Stärke liegt darin, daß
er keine passenden und endgültigen Antworten bereithält. 'Marker
(...) untersucht die Natur des Kinos' (H.-C. Blumenberg,
Gegenschuß, Frankfurt/M. 1984, 261), aber er hat seinem Publikum
keine fertigen und übertragbaren Ergebnisse anzubieten, sondern
kleine genaue Beobachtungen, überraschende Ein-Blicke und oftmals
üblichen Sehgewohnheiten zuwiderlaufende Verunsicherungen. (...)
Die Wirklichkeit benötigt Erklärungen;
und Bilder, die sie zu beschreiben versuchen oder zu beschreiben
vorgeben, benötigen sie nicht minder. Was wären die Bilder ohne
die Stellungnahmen und Erklärungen des Kommentars? Nur, sind
diese richtig?" (Orkun Ertener, "Filmen, als ob sich
filmen ließe. Über das Bildersammeln und Filmemachen in Chris
Markers Sans Soleii", Augenblick Nr. 10, 1991,
35 u. 46)
"Betrachten wir nun den Status von
"Wirklichkeit" in der filmischen Repräsentation. Wie
wir gesehen haben, wird das fotografische Bild in der
realistischen Beweisführung als ein Supplement der Realität
verstanden, das seine Überlegenheit gegenüber anderen Formen der
Repräsentation aus seiner eigenen Auslöschung ableitet. Es
behauptet sich von der Wirklichkeit nur wenig zu unterscheiden,
verglichen mit anderen Formen von Repräsentation eher eine
Verschiebung als eine Differenz.
Aber die Tatsache, daß eine solche
Überlegenheit auf der Nähe zum Original basiert, unterläuft die
Integrität des Originals und damit auch die Grundlage für den
Vergleich. Es ergibt sich natürlich das Problem, daß, je näher
die Kopie dem Original scheint und je mehr davon auszugehen ist,
daß die Vorstellung von Differenz, die die Kopie ausstellt und
verbirgt, im Original selbst ihren Platz hat, es umso
naheliegender ist, das Original als zusammengesetzt aus einer
endlosen Serie von momentlangen Differenzen oder Verschiebungen
anzusehen.
Wenn die originäre Wirklichkeit
dementsprechend nicht länger als jene intakte Vorstellung
gelten kann, als die sie einmal gedacht wurde, wenn die Arbeit der
Repräsentation, die man üblicherweise in der Kopie
wiederzuerkennen glaubt, so nahe am Original "verortet"
wird, ergeben sich gute Gründe, davon auszugehen, daß
Repräsentation und die von ihre dargestellte Differenz ihre
Folgen für jenes grundlegende Verständnis von Wirklichkeit
haben, von dem gemeinhin ausgegangen wird. (...) Die
Hierarchie zwischen Original und Kopie, die normalerweise eine
zeitliche Vorgängigkeit des Erst- über das Zweitgenannte
bedeutet, kann noch aus anderer Sicht dekonstruiert werden.
Tatsächlich wird in keinem
Vervielfältigungsprozeß wie beispielsweise dem Fotokopieren der
Begriff "Original" benutzt, bevor es eine Kopie gibt,
was erst retrospektiv ein Original erschafft. Es kann niemals ein
Original geben, bevor es nicht eine Kopie gibt. So gesehen darf
man das Original als von der Kopie hervorgebracht verstehen,
ebenso wie sich nach Nietzsches Auffassung Ursache und
Wirkung aus einer zeitlichen Perspektive heraus
vertauschen lassen, denn es ist immer die Wirkung, die zuerst
kommt und uns nach der Ursache fragen läßt." (Peter
Brunette, David Wills, Screen/Play. Derrida and Film Theory,
Princeton 1989, S.73f.)
Sans Soleil,
Frankreich 1982, 110', Argos Film, Regie & Schnitt &
Komposition Chris Marker Regie-Assistenz Pierre Camus Kamera
Sandor Krasna [d.i. Chris Marker] Musik Modest
Mussorgski (Thema von Ohne Sonne), Jean Sibelius (Valeste
triste, bearbeitet von Isao Tomita) Elektro-akustische
Tonspur Michel Krasna [d.i. Chris Marker] Gesangsstimme
Arielle Dombasle Lesestimme Charlotte Kerr Übersetzung
Elmar Tophoven Mischung Antoine Bonfanti, Paul Bertault Schnitt-Assistenz
Anne-Marie L'hote, Catherine Adda Spezialeffekte Hayao
Yamaneko [d.i. Chris Marker] Trickkamera Martin Boschet,
Roger Grange zusätzliches Filmmaterial Sana Na N'Hada
(Karneval von Bissau), Jean-Michel Humneau (Berförderungszeremonie),
Mario Marret, Eugenio Bentivoglio (Guerilla in Bissau), Danièle
Tessier (Tod einer Giraffe), Haroun Tazieff (Island 1970) Freunde
& Berater [in Tokio] Kazuko Kawakita, Hayao Shibata,
Ichiro Hagiwara, Kazue Kobata, Keiko Murata, Yuko Fukusaki, [in
San Francisco] Tom Luddy, Anthony Reveaux, Manuela Adelman, [in
Paris] Pierre Lhomme, Jimmy Glasberg, Ghislain Cloquet A.S.C.,
assistiert von Eric Dumage, Dominique Gentil, Arthur Cloquet
Bildsyntheziser EMS spectre Musiksyntheziser EMS/VCS3 -
Moog Source Produktion Argos Films Verleih
Silver Ciné (Hamburg)
Mi 15.7.99 20.15 Uhr |