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Stilleben / Nature Morte
Regie: Harun Farocki

"Das Stilleben, früher ein wichtiges Genre der Malerei, ist heute fast ausschließlich Sache der Werbeindustrie, der es darum geht, in einem System der Produktion von Stereotypen eine Differenzierung der Produkte und ihrer Bilder zu erreichen. (...) Indem Stilleben zahlreiche einzelne Schritte der Prozedur erzählt, von der Vergrößerung bis zur aus technischen Gründen nötigen Herstellung von Trompe-l'œils (ein Eis am Stiel schmilzt unter der Hitze der Studiolampen), erzählt es die Geschichte vom Triumph des Scheins über die Funktion. "Diese Arbeit ist unter anderem darum so faszinierend", sagt Farocki, "weil man so große Anstrengungen unternimmt, um eine so kleine Facette der Welt zu produzieren." (Documenta X, Kurzführer, 1997, 60f.)

» Am Schneidetisch erlebt man, wie wenig man mit Planungen und Absichten Bilder erzeugen kann. Alles, was man geplant hat, geht nicht auf. So, wie man in Erinnerung hat, ein Baum stünde vor einem Haus, und sein Wipfel schlüge im Wind gegen die Brüstung des Balkons  man kommt hin, und der Baum steht weit weg vom Haus, und beim Sprung gibt es einen Absturz mit Blicken. Beim Drehen legt man Schnitte an, man inszeniert eine Bewegung, damit es einen Umschnitt geben kann, und am Schneidetisch wird man sehen, daß das Bild eine ganz andere Bewegung hat, der man folgen müßte. [...]

Am Schneidetisch, wenn das Bild vor- und zurückläuft, erfährt man über die Eigenständigkeit des Bildlichen. So wie die Zeitlupen beim Fußballübertragen unseren Blick geschult haben für die versteckten Fouls und vorgetäuschten Fouls, lernt man am Schneidetisch die Fouls und vorgetäuschten Fouls einer Inszenierung sehen. [...]

Das Arbeiten am Schneidetisch macht aus der Umgangssprache Schriftsprache. Die Bilder bekommen einen Aktendeckel, genannt Schnitt oder Montage. Am Schneidetisch wird aus Gestammel Rhetorik. Weil es diese rhetorische Artikulation gibt, ist der Diskurs ohne Artikulation im Schneideraum Gestammel. Am Drehort, da kann man die Kamera hierhin und dorthin stellen, das ist die Entscheidung von einer Minute, getroffen mit einem nachdenklich verzogenen Gesicht.

Im Schneideraum wird dann eine Woche lang abgewogen, wohin dieses Ein-Minuten-Bild kommt. Um einen Vorwand für den langen Aufenthalt im Schneideraum zu schaffen, wird die Frage von den getrennt aufgenommenen Bildern und Tönen und ihrer Parallelität dramatisiert. Das Wort  für nichts weiter, als daß ein Bildstreifen mit einem sich bewegenden Mund und ein Tonband mit Lauten, die zu diesem Mund passen, parallel und mit gleicher Geschwindigkeit  laufen sollen  heißt: Synchronität. Kein Mensch macht sich was daraus, daß bei einem Auto die rechten und die linken Räder sich beim Fahren mit der gleichen Geschwindigkeit drehen.

Diese Synchronität wird so sehr dramatisiert, damit es einen Grund gibt, ein Bild vorwärts und rückwärts laufen zu lassen über Wochen. Diese rituelle Wiederholung setzt ein eigenes Recht. Statt der Bilder sieht man nach ein paar Wochen nur noch die Lebens und Arbeitszeit, die man für sie vergeudet hat. Der Verwaltungsweg. Eine lächerliche, nichtige Tat wird auf einer fiktionalen Ebene so lange zirkuliert, bis es eine Akte gibt, einen Vorgang. Ein obskurer Ort, so ein Schneideraum.

Die Idee, Eichmann zu bestrafen, indem man ihm lebenslang Bilder von den Konzentrationslager vorspielt, muß von einem Cutter kommen. Im Schneideraum lernt der Regisseur für den Drehort. er bekommt die Sicherheit, am Drehort nicht hinschauen zu müssen; was falsch gedreht ist, dann kann man am Schneidetisch retten. Er verliert so sehr den Blick, daß er alles, was seine Arbeit am Drehort überstanden hat, in den Schneideraum bringt zum Verwischen.« (aus: Harun Farocki, »Was ein Schneideraum ist«, in Filmkritik Januar 1980, 2 und 3f.)

BRD/F 1997, 58', 16 mm, Farbe, Harun Farocki Filmproduktion, Movimento Regie & Buch & Kommentar Harun Farocki Kamera Ingo Kratisch Schnitt Irina Hoppe, Rosa Mercedes (d.i. Harun Farocki), Jan Ralske Ton Ludger Blanke, Jason Lopez, Higues Peyret Mischung Gerhard Jensen-Nelson Mitarbeit Jörg Becker, Dina Ciraulo, Cathérine Mariette mit Stan Musilek, Jean-Louis Bloche-Lainé, Uwe Ziss, Mitchel Feinberg, Sprecher Hanns Zischler

So 5.7.99, 20.15 Uhr
Mit einer Einführung von Nils Plath

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