| "Die Macht der
Gefühle gehört zum Genre des epischen Films. Der erste
Spielfilm dieser Art stammt von Griffith. Und handelt von einem
Gefühl: dem der Intoleranz. Er verfolgt dieses Gefühl von
Babylon bis in die Gegenwart (1915); immer wieder werden neue
Geschichten erzählt, im Kern geht es um das ein- und dasselbe
Gefühl. Ähnlich der Film Die Macht der Gefühle. Er
erzählt etwa 26 Geschichten, aber alle diese Erzählungen haben
den gleichen Kern: die Macht der Gefühle. (...) Vor allem geht es
darum: wie organisieren sich Gefühle?" (Alexander Kluge, Die
Macht der Gefühle, Frankfurt/M. 1984, 66)
» (...) Das bedeutet: Montage. Es
kann kein Zweifel sein, daß die Erzählung eines Einzelschicksal,
in 90 Min. ausgebreitet, geschichtliche Materienur durch
dramaturgischen Inzest wiedergeben kann. Der rote Faden drückt
Erfahrung aus dem Film heraus. Montage ist in der Filmgeschichte
'die Formenwelt des Zusammenhangs". Hinzu tritt der
Scheingegensatz von Dokumentation und Inszenierung.
Dokumentation allein schneidet
Zusammenhang ab: Es gibt nicht Objektives ohne die Gefühle,
Handlungen, Wünsche, d.h. Augen und Sinne von Menschen, die
handeln. Ich habe nie verstanden, warum man die Darstellungen
solcher Handlungen (meist müssen sie inszeniert werden) Fiktion,
fiction-Film, nennt. Es ist aber auch Ideologie, daß einzelne
Personen die Geschichte machen könnten. Deshalb gelingt keine
Erzählung ohne ein gewisses Maß an authentischem Material, also
Dokumentation. Sie gibt den Augen und Sinnensozusagen den
Kammerton A: wirkliche Verhältnisse klären den Blick für die
Handlung. (...)" (Alexander Kluge: Die Patriotin,
Frankfurt/Main 1979, 41)
»Bild bezeichnet hier nicht einen
Substanzbegriff, sondern eine Beziehung. So wie man sagt: ›im
Bild bleiben‹ Es ist also nicht wesentlich, ob etwas
sichtbar oder unsichtbar ist, ob es abgebildet, nur angesehen wird
oder unbeachtet bleibt. Vielmehr bezeichnet Bild einen
Zusammenhang: die Kategorie der Vollständigkeit, Natürlichkeit,
Struktur, Kohärenz. Was ein Bild ist, läßt sich also nach
kinematografischen Regeln festlegen. Damit läßt sich auch
entzerren, was niemals zu einem Bild, d.h. etwas
Zusammenhängendem werden kann.
In dieser Hinsicht spricht man für die
Analyse von Wirklichkeitsverhältnissen, von einem Drehbuch.
Die vollständige Abbildung eines Verlaufs hat diese filmische
Gestalt. Dies bedeutet: nichts wurde ausgelassen. Die Massierungen
sind vollständig. Es wird getestet. Diese Qualität der
Wahrnehmung (›vollständige Verläufe‹) liegt auch der Monatge
zugrunde. Sie setzt im schärfsten Maß Zusammenhang, Kontinuität
voraus und braucht, weil sie den Zusammenhang auf bessere Weise
organisiert, nicht alles zu erzählen. In der Montage organisiert
die Erzählung gewissermaßen die Totale und die extreme
Nahaufnahme. Auf diese Weise werden zwei Herausforderungen für
das Verständnis, eben: die Auslassung, hergestellt.
Diese Lücke wird jetzt durch jemand
anders als den Erzähler ausfüllbar. Der durch die Auslassung
hergestellte Freiraum ist aber kohärent. Wer ihn nicht
erzählen konnte, vermag auch nicht zu montieren. Alles
Einzelheiten eines Bildes reden miteinander; sämtliche Bilder
eines Bildzusammenhangs sprechen miteinander. Sie tun dies
lediglich nicht in diskursiven Sprachen. Insofern sind die
überschnellen Bildfetzen des Traums und der täglichen
Assoziation für sich immer zusammenhängend, also Bilder,
wenn auch unsere Bildphantasie zu träge ist, um solche schnellen
Bewegungen festzuhalten.
In der cinematographischen Schulung (›Studium
der Filmgeschichte‹) steckt ein Bewußtsein und zwar zur
Herstellung der Kategorie des Zusammenhangs. Überläßt man sich
diesem Programm, d.h. erlernt einer es, so wird er sich nicht
darüber täuschen lassen, wann ihm einer Phrasen,
Halbabstraktionen, Halbkonkretionen (das sind alles nur andere
Ausdrücke für Lügen) erzählt und wann es sich um ein Bild
handelt.
Die Entzerrung setzt nicht weniger voraus
als dies; sich dem kinematographischen Prinzip, also einer
sachlichen Subjektivität, völlig anheimzugeben. Man kann sich
das nur leisten, wenn man darauf vertraut, daß die übrigen
Vermögen bei Entzerrung ihrerseits arbeiten.« (Alexander Kluge, Die
Macht der Gefühle, Frankfurt/M. 1984, S.383)
BRD 1983,
115', 35 mm, Kairos-Film Regie & Buch Alexander Kluge Montage
Beate Mainka-Jellinghaus Kamera Werner Lüring, Thomas
Mauch Ton Olaf Reinke, Karl-Walter Tietze
Mi 22.7.99, 20.15 Uhr |