| Helma Sanders-Brahms hat mit ihrem Werk,
das mittlerweile 25 Filme umfasst, Qualität und Nachhaltigkeit
des deutschen künstlerischen Films seit den siebziger Jahren
wesentlich mitbestimmt. (…) Helma Sanders-Brahms hat sich mit
künstlerischer Kraft, Originalität und eindrucksvoller
Konsequenz mit deutscher Geschichte und Gegenwart beschäftigt.
Stets im Kontakt mit den wichtigen intellektuellen Strömungen der
Zeit und wesentlichen Arbeiten anderer Filmemacher, hat sie dabei
eine eigene, persönliche Sicht und spezifische filmische
Ausdrucksformen entwickelt.
Sie ist Feministin insofern, als sie den
Anspruch erhebt und auch realisiert, sich als Frau zu allen
wichtigen Themen der Zeit zu Wort zu melden und dabei natürlich
häufig andere Gesichtspunkte geltend zu machen als andere,
männliche wie weibliche, Filmemacher. Vor allem ist sie eine
faszinierende Geschichtenerzählerin, die mit verschiedensten
Formen experimentiert; dabei macht sie aber kein experimentelles
Kino, sondern stilistisch anspruchsvolles großes Erzählkino. (…)

Geboren am 20. November 1940 in Emden,
studierte sie nach dem Abitur zunächst Schauspiel an der
Niedersächsischen Hochschule für Musik und Theater in Hannover,
danach Theaterwissenschaft, Anglistik und Germanistik an der
Universität Köln. Während des Studiums arbeitete sie nebenbei
als Krankenschwester, Verkäuferin, Landarbeiterin etc. 1965 legte
sie das Examen als Realschullehrerin ab; anschließend war sie ein
Jahr lang als Lehramtsanwärterin tätig. 1965 bis 1973 arbeitete
sie als Fernsehansagerin beim Westdeutschen Fernsehen Köln. (…)
Im Rahmen einer Interviewserie mit
italienischen Regisseuren lernte sie unter anderem Sergio Corbucci
und Pier Paolo Pasolini kennen, bei dessen Medea-Film sie
hospitierte. Pasolini, der sie tief beeindruckte, ermutigte sie zu
eigener Filmarbeit.
Ende der sechziger Jahre begann sie, dem
damaligen aufklärerischen Geist der Linken entsprechend, mit
einer Reihe soziologisch und politisch aufschlussreicher
Dokumentar- und Spielfilme, in denen sie Systemanalyse betrieb und
negativen Begleiterscheinungen des kapitalistischen Systems der
wirtschaftlich prosperierenden Bundesrepublik nachspürte.
Nach den fünf ersten Filmen verließ sie
dieses Feld der soziologischen Gesellschaftsuntersuchung, um sich
Spielfilmen über individuelle Charaktere und Schicksale und
subjektiv geprägten Dokumentarfilmen zuzuwenden. Zeitweise schuf
sie mit einer ungeheuren kreativen Energie jährlich einen großen
dramatischen Film.
Die Abfolge von Unter dem Pflaster ist
der Strand, Shirins Hochzeit, Heinrich, Deutschland, bleiche
Mutter bis hin zu Die Berührte innerhalb von nur sieben Jahren
stellte ein Ereignis für den deutschen Film dar, das man sich in
seiner Wucht heute kaum noch vorstellen kann.
Erika Richter
Links
Helga Sanders-Brahms@IMDb |