|
Ein empfindsam raues Zeugnis von
Selbstzerstörung und Wiederbelebung von einem
außergewöhnlichen filmischen Visionär
Dieser Film hat 218 Dollar gekostet und geht damit als der wohl
billigste Independent-Hit aller Zeiten in die Kinogeschichte ein.
Sein Regisseur hat niemals professionell mit Film zu tun gehabt
und kennt nur ein einziges Thema: sich selbst und seine
Familiengeschichte. Die allerdings hat es derart in sich, dass
TARNATION in den USA zum Festivalerfolg sondergleichen avancierte
und die Indie-Ikonen Gus Van Sant (Elephant) und Cameron
Mitchell (Hedwig and the Angry Inch) auf den jungen Jonathan
Caouette aufmerksam machte, die zu seinen Förderern wurden.
Jonathan Caouettes Biografie erscheint wie eine
Daily-Horror-Soap. Seine Mutter Renee wird in ihrer Jugend wegen
einer vorübergehenden Lähmung mit brutalen Stromschocks
behandelt und entwickelt eine lebenslange schizophrene Störung.
Als vaterloses Kleinkind sieht Jonathan mit an, wie seine Mutter
vergewaltigt wird. Mit elf Jahren inszeniert er sich zum ersten
Mal selbst vor einer Super-8-Kamera und imitiert eine hysterisch
schluchzende, verfolgte Frau. Später dreht er ultrabilligen
Underground-Trash über blutspuckende Großmütter, noch später
zieht der Junge, dem eine krankhafte Selbstwahrnehmung
diagnostiziert wird, nach New York und verwurstet die eigenen
Traumata und die Bemühungen um seine kranke Mutter in einer Art
Videotagebuch — so radikal selbstreflektiv wie schonungslos
peinlich und ästhetisch innovativ.
TARNATION nun ist aus unzähligen persönlichen Aufzeichnungen
und Artefakten am Heimcomputer montiert, verarbeitet
Videoschnipsel, Familienfotos und Anrufbeantworter-Nachrichten und
fährt dem Betrachter mit unbedingtem Selbstentblößungs-Willen
unter die Haut.
TARNATION · USA 2003 ·
Regie, Buch und Kamera Jonathan Caouette · Schnitt
Jonathan Caouette und Brian A. Kates · Mit Renee
Leblanc, Jonathan Caouette, Adolph Davis, Rosemary Davis, David
Sanin Paz u.v.a. . · 88' Links
» Internet
Movie Database
» Ausführliche
Linksammlung bei filmz.de
|