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intro
Das Phänomen
Jugendgewalt ist durch die wiederholten Vorfälle in den
USA und Deutschland brisanter geworden und intensiver in
den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt als je zuvor.
Die Filmreihe »Wissen sie denn nicht, was sie tun? –
Jugendgewalt im Film« widmet sich drei Wochen lang im
Juni dem Kino der Halbstarken, Hooligans und
Hasserfüllten und will neun herausragende Filme sowie
einen Vortrag präsentieren, die verschiedene Aspekte der
Jugendgewalt beleuchten. Möglichst in chronologischer
Reihenfolge soll der unterschiedliche Umgang mit Gewalt in
vorwiegend europäischen Filmen dokumentiert werden. Dabei
könnten die verschiedenen Darstellungsweisen des Themas
über die Jahrzehnte hinweg von Interesse sein.
Mit der Filmreihe
soll vor allem das Vorurteil ausgeräumt werden, dass
Kunst und vor allem der Film eher dazu neigen, die
sogenannten ‘wirklichen’ Probleme zu meiden, wenn
nicht gar Konflikte durch den »schönen Schein« einer
fiktiven oder heilen Welt zu verschleiern. Der Film
besitzt durch seine eigenen ästhetischen Ausdrucksweisen
in hoher formaler und inhaltlicher Qualität die
Fähigkeit, mimetische und gewaltsame Prozesse in
Geschichte und Gesellschaft aufzudecken und den bisweilen
falschen Schein einer oberflächlichen Zivilisation zu
entlarven. Filme antworten auf gesellschaftliche (genauso
wie auf persönliche) Ereignisse, spiegeln auf sensible
Weise die soziale Realität. Es soll auf das kritische
Potential und die bisweilen moralische oder prophetische
Qualität der Kunst, d.h. des Films aufmerksam gemacht
werden.
In vielen Filmen
ist Gewalt nur Selbstzweck, d.h. aggressive und brutale
Szenen dienen allein einer Steigerung der visuellen
Attraktivität eines Films. Die Gewalt wird dort nur
fragmentarisch bzw. nicht erkennbar begründet.
Gewaltanwendung stellt sich in diesen Filmen häufig als
die einzige Möglichkeit dar, Konflikte zu lösen oder
bestimmte Ziele zu erreichen. Meist führt diese
eindimensionale Darstellung zur Verharmlosung von Gewalt,
bisweilen gar zur Gewaltverherrlichung.
Die Filmreihe will
einen anderen Weg einschlagen: Die gezeigten Filme
behandeln durchaus problematisch das Thema Jugendgewalt.
Sie nehmen die real existierende Gewalt der Jugendlichen
wahr und ernst. Es soll mit den Jugendlichen mitgefühlt
und Verständnis aufgebracht werden. Die Filmemacher
beleuchten je nach Interessenlage eher die privaten
Lebensumstände der Protagonisten oder ihr
gesellschaftliches Umfeld und versuchen darüber die
Gewaltausbrüche zu begründen. Damit können die Filme
nur differenzierte Zustandsbeschreibungen sein, statt
fertige Erklärungen zum Problemkreis Jugendliche und
Gewalt zu liefern. Viele Fragen werden danach zu
beantworten sein. Etwa: Worin besteht das Kino der
Jugendgewalt? Wie kommt die Gewalt auf? Machen die
gezeichneten Lebensumstände die Gewaltausbrüche der
Figuren plausibel? Wie stark werden die Charaktere
psychologisiert? Mit welchen filmsprachlichen Mitteln wird
gearbeitet? Wie wird die Gewalt gezeigt (verdeckt –
offen; psychisch – physisch; dokumentarisch –
voyeuristisch)? Was hat die dargestellte Gewalt mit realer
gesellschaftlicher Gewalt zu tun? Auf wessen Seite stehen
wir als Zuschauer? Können (die gezeigten) Filme mit ihrer
Ästhetik zur Verrohung beitragen?
Die vorgestellten
Filme sind bewusst so ausgewählt, dass sie zunächst zu
irritierend, bisweilen schockierend sind, als dass sie nur
das allgemeine Bedürfnis nach Ablenkung und Unterhaltung
befriedigen könnten.
Ich wünsche
trotzdem:
Gute Unterhaltung!
Benjamin Schacht |