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So 1. Oktober 2006 · 11 Uhr
Inszenierung von Heiner Müller mit dem Orchester und
Chor der Bayreuther Festspiele (1995) | 239 Minuten
In der großen Schaffenspause während der Arbeit am RING
DES NIBELUNGEN greift Richard Wagner den Tristan-Stoff auf
und entwickelt das Projekt bis zum Abschluss der Partitur am
6.8.1859 als eine Hommage an die Liebe, ganz auf die
Abbildung emotionaler und psychischer Zustände
konzentriert, durchdrungen von der Sehnsucht nach der
Vereinigung von Liebe und Tod, die Bühnenhandlung auf das
Äußerste reduziert.
Der Stoff ist dem Epos TRISTAN UND ISOLT von Gottfried
von Straßburg (um 1210) entnommen, doch in Wagners
Interpretation verbindet sich die Heldendichtung mit
romantischen Elementen (aus Novalis’ HYMNEN AN DIE NACHT),
der Idee Schopenhauers von der Überwindbarkeit der
Vereinzelung durch Liebe und Aspekten der Philosophie
Feuerbachs und Calderóns. Musikalisch erreicht Wagner in
der TRISTAN-Partitur eine Verfeinerung des mit größter
Farbskala ausgestatteten, oft ekstatisch aufgetürmten
Orchesterklangs; er wird zum vollendeten, höchst sensiblen
Werkzeug zur Darstellung der verschlungensten psychischen
Zustände. Inhalt und Form haben sich nach den Gesetzen des
Gesamtkunstwerks vollkommen durchdrungen. Aufwühlende
Chromatik, Auflösung des konservativen Tonartempfindens,
die unendliche Melodie sind Kennzeichen einer Partitur, aus
der sich kaum noch einzelne Passagen getrennt herauslösen
lassen.
Als Heiner Müller seine Version des TRISTAN 1993
in Bayreuth vorstellt, überwiegen zunächst entrüstete und
verständnislose Reaktionen. Entschlackt vom "germanisch-keltischen"
Kontext wie vom romantischen Liebesideal entwirft Müller
eine konzentrierte, ganz auf den emotionalen Kern der
Partitur gerichtete Inszenierung, die sich durch den
präzisen Einsatz eines "widerständigen"
Bühnenbilds (Erich Wonder) und der originellen,
nicht-naturalistischen Kostüme Yohji Yamamotos
auszeichnet, die den Gefühlen der Figuren ein sie
zurichtendes und bestimmendes "Außen" geben, in
dem sie gefangen sind.
Doch spätestens im dritten Jahr der Aufführung stellt
sich allgemein eine Euphorie über Müllers Inszenierung ein.
Denn Müller findet in seiner Modernisierungsleistung den
Kern der Utopie-Idee, die Wagner der Liebe zugerechnet hat:
in der Unerfülltheit des Anspruchs und dem sichtbaren
Scheitern an gesellschaftlichen Zwängen wird an das
Publikum delegiert, in Gang zu setzen, was die Figuren
selbst nicht schaffen.
D 1993 ·
Inszenierung Heiner Müller · Bühnenbild
Erich Wonder · Orchester der Bayreuther Festspiele
unter der Leitung von Daniel Barenboim · Chor der
Bayreuther Festspiele unter der Leitung von Norbert Balatsch
· Mit Siegfried Jerusalem, Waltraud Meier, Matthias
Hölle, Falk Struckmannn · 239'
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