zurück zur Startseite....

aktuelle kinowoche | vorschau | das cinema | cinematrix | home

CineMatrix
Wie kommen die Filme auf die Leinwand?

START ... Formate ... Farbe ... Störungen Flash ... Digitales Kino ...
Störungen — 1980 wurde in der Filmzeitung der Programmkinos CINEMA und KURBELKISTE in der Reihe 'Kinotechnik' der Beitrag 'Die Filmkopien. Wie kommt der Regen auf die Leinwand?' veröffentlicht, seinerzeit abgedruckt nach einem entsprechenden Artikel in der Programmzeitung des Kino 'Harmonie' in Frankfurt. Obwohl seit dem mehr als 20 Jahre vergangen sind, ist der Beitrag nach wie vor aktuell.
"Ich (KNACKS) Dich!"

Langsam hebt Marlene Dietrich ihre reichbewimperten Schlafzimmeraugen und wispert "Ich (KNACKS) Dich!" Schnitt. Großaufnahme von Rudolpho, verzehrend blickt er Marlene an: "Ich Dich (KNACKS)".

Ausgebuffte Kinogänger wissen natürlich, daß Marlene sagen wollte 'Ich liebe Dich' und Valentino antwortet 'Ich Dich auch', aber gerade an diesen Knacks-Stellen ist mal in irgendeinem Kino der Film gerissen und die beiden bedeutenden Worte sind beim Zusammenkleben des Film verlorengegangen.

Regen

Ein anderes Beispiel: Ein weites, sonnendurchglühtes Tal, von fern kommt Django herangeritten. Da beginnt es zu regnen, immer mehr, immer dickere Tropfen fallen. Aber die Sonne scheint weiter. Den Regen gibt es nämlich nur im Kino. Erfahrene Zuschauer wissen, eine der vielen Rollen des Films geht nun bald zu Ende, denn am Rollenende ist die Kopie des Film häufig verschmutzt und die kleinen Staubkörner werden als dunkle Punkte, als scheinbarer Regen auf die Kinoleinwand projeziert.

Tränen
in die Augen

Leider häufen sich in den letzten Jahren solche Erfahrungen. Das hat verschiedene Gründe. Einmal ist die immer geringer werdende Finanzkraft der Verleihfirmen daran schuld, daß die Kopien nicht mehr richtig nachgesehen und gepflegt werden, wenn sie von dem Einsatz aus den Kinos zurückkommen. Noch heute bekommen alte (meistens schon pensionierte) Vorführer Tränen in die Augen, wenn sie davon erzählen, wie es früher bei UFAs war. In den Premierentheatern stand da häufig eine komplette Ersatzkopie bereit, falls mal mit der Vorführkopie etwas passieren sollte. Und jede Kopie kam nach dem Einsatz erst einmal ins Lager der Verleiher und wurde durchgesehen. Mit Argusaugen überwachte der Chef des Kopienlagers den Zustand seiner Kopien, und kein Kino erhielt eine Kopie, die nicht einwandfrei war.

Heute wird eine Kopie, wenn man Glück hat, erst nach dem 4. Einsatz kontrolliert. Beschädigte Stellen werden einfach herausgeschnitten, statt erneuert, und so entstehen im Laufe der Zeit Kopien, die früher als unspielbar bezeichnet wurden.

Aber nicht nur die Filmverleiher sind schuld an dem häufig schlechten Zustand der Filme. Viele Kinos haben kaum noch richtige, gelernte Vorführer. Filmvorführer ist inzwischen ein Anlernberuf geworden, meist nur ein Job, der ohne richtige Fachkenntnisse 'betrieben' wird. Außerdem müssen manchmal in den großen Kino-Centern bis zu acht automatische Vorführräume von einem oder höchstens zwei Vorführern betreut werden. Daß darunter nicht nur die Vorführungen sondern auch die Kopien leiden können, ist klar.

Automatik

Viele Kinos sind heute mit mehr oder weniger automatisierten Projektoren ausgestattet. Eine Automatik kann auch durchaus vorteilhaft sein. Mangelnde Ausbildung und Überlastung der Vorführer, schlechte Wartung und bisweilen total veraltete Maschinen bewirken jedoch häufig, daß aus Projektionsräumen wahre Filmkopieverschrammungs- und -vernichtungsinstitute werden.

Besonders in Mitleidenschaft gezogen werden die Anfänge und Enden der einzelnen Akte (wie nennen die Rollen Akte). Häufig werden in den größeren Kinos nämlich die einzelnen Akte zu größeren Rollen zusammengeklebt.

Durch unsachgemäße und schluderige Durchführung gehen hierbei und durch das Auseinanderschneiden häufig Bilder verloren. Oft ist es auch schon vorgekommen, daß Hilfsvorführer beim Auseinanderscheiden die Akte vertauschen und das nächste Kino die Vorstellung ausfallen lassen muß, weil der Film total unverständlich war.

Überblendung

Früher wurde jede einzelne Rolle (rund 600 m lang = 20 Minuten) 'von Hand gefahren'. Wenn der erste Akt zu Ende war, wurde auf die zweite Rolle in der zweiten Maschine 'überblendet'.

Maschine I (links) und Maschine II in der alten Kurbelkiste in der Winkelstraße

Durch zwei Überblendzeichen am Ende jeden Aktes (meist ein weißer Punkt rechts oben im Bild, etwa ein Viertel Sekunde zu sehen) wurde dem Vorführer signalisiert, wann er die zweite Maschine zu starten hatte und wann er Bild und Ton von der ersten auf die zweite Maschine umzuschalten hatte. Hier waren natürlich Fehler möglich, die heute bei richtig gewarteten und richtig programmierten automatischen Maschinen entfallen.

Kunststück

Schlimm wird es aber besonders bei älteren Filmen, die häufig nur einen Tag in den Kinos laufen. Durch den ständigen Wechsel und den Transport leiden sie zusätzlich. Oft werden sie auch noch durch kleinere Verleiher vertrieben, die nur wenig Geld in die Kopien stecken können. Da wird dann die Vorführung oft zum Kunststück. Das Material ist mürbe, der Vorführer muß ganz präzise arbeiten.

Versetzer

Manchmal nützt alle Sorgfalt nichts. Irgendjemand hat eine Kopie mal nachts im Heizungskeller aufbewahrt und nun reißt das spröde Material 5 bis 6 mal pro Vorstellung. Die in alten Kopien dann häufigen Klebestellen bilden noch weitere Gefahren. Sie können wieder aufgehen, oder, weil schlecht geklebt, verursachen sie Schwankungen in der Bildschärfe oder aber verursachen sogenannte Versetzer. Das Bild ist dann in der Mitte geteilt, der untere Teil (Füsse) ist oben und die Köpfe sind am unteren Bildrand. Hoffentlich steht dann der Vorführer gerade neben der Maschine und rollt nicht eben eine andere Rolle um oder legt den nächsten Akt in die zweite Maschine ein. Dann kann es nämlich bei aller Sorgfalt schon mal etwas länger dauern, bis das Bild wieder richtig steht. [...]

Quelle:
Filmzeitung der Programmkinos CINEMA und KURBELKISTE in Münster, Feb. - April 1980, S. 6 nach einer Abhandlung der Harmonie, Frankfurt.