| "Ich
(KNACKS) Dich!"
Langsam hebt Marlene Dietrich ihre reichbewimperten
Schlafzimmeraugen und wispert "Ich (KNACKS) Dich!"
Schnitt. Großaufnahme von Rudolpho, verzehrend blickt er
Marlene an: "Ich Dich (KNACKS)".
Ausgebuffte Kinogänger wissen natürlich, daß Marlene sagen
wollte 'Ich liebe Dich' und Valentino antwortet 'Ich Dich auch',
aber gerade an diesen Knacks-Stellen ist mal in irgendeinem Kino
der Film gerissen und die beiden bedeutenden Worte sind beim
Zusammenkleben des Film verlorengegangen.

Regen
Ein anderes Beispiel: Ein weites,
sonnendurchglühtes Tal, von fern kommt Django herangeritten. Da
beginnt es zu regnen, immer mehr, immer dickere Tropfen fallen.
Aber die Sonne scheint weiter. Den Regen gibt es nämlich nur im
Kino. Erfahrene Zuschauer wissen, eine der vielen Rollen des
Films geht nun bald zu Ende, denn am Rollenende ist die Kopie
des Film häufig verschmutzt und die kleinen Staubkörner werden
als dunkle Punkte, als scheinbarer Regen auf die Kinoleinwand
projeziert.

Tränen
in die Augen
Leider häufen sich in den letzten Jahren solche Erfahrungen.
Das hat verschiedene Gründe. Einmal ist die immer geringer
werdende Finanzkraft der Verleihfirmen daran schuld, daß die
Kopien nicht mehr richtig nachgesehen und gepflegt werden, wenn
sie von dem Einsatz aus den Kinos zurückkommen. Noch heute
bekommen alte (meistens schon pensionierte) Vorführer Tränen
in die Augen, wenn sie davon erzählen, wie es früher bei UFAs
war. In den Premierentheatern stand da häufig eine komplette
Ersatzkopie bereit, falls mal mit der Vorführkopie etwas
passieren sollte. Und jede Kopie kam nach dem Einsatz erst
einmal ins Lager der Verleiher und wurde durchgesehen. Mit
Argusaugen überwachte der Chef des Kopienlagers den Zustand
seiner Kopien, und kein Kino erhielt eine Kopie, die nicht
einwandfrei war.
Heute wird eine Kopie, wenn man Glück hat, erst nach dem 4.
Einsatz kontrolliert. Beschädigte Stellen werden einfach
herausgeschnitten, statt erneuert, und so entstehen im Laufe der
Zeit Kopien, die früher als unspielbar bezeichnet wurden.
Aber nicht nur die Filmverleiher sind schuld an dem häufig
schlechten Zustand der Filme. Viele Kinos haben kaum noch
richtige, gelernte Vorführer. Filmvorführer ist inzwischen ein
Anlernberuf geworden, meist nur ein Job, der ohne richtige
Fachkenntnisse 'betrieben' wird. Außerdem müssen manchmal in
den großen Kino-Centern bis zu acht automatische Vorführräume
von einem oder höchstens zwei Vorführern betreut werden. Daß
darunter nicht nur die Vorführungen sondern auch die Kopien
leiden können, ist klar.

Automatik
Viele Kinos sind heute mit mehr oder weniger automatisierten
Projektoren ausgestattet. Eine Automatik kann auch durchaus
vorteilhaft sein. Mangelnde Ausbildung und Überlastung der
Vorführer, schlechte Wartung und bisweilen total veraltete
Maschinen bewirken jedoch häufig, daß aus Projektionsräumen
wahre Filmkopieverschrammungs- und -vernichtungsinstitute
werden.
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Besonders in Mitleidenschaft gezogen
werden die Anfänge und Enden der einzelnen Akte (wie nennen die
Rollen Akte). Häufig werden in den größeren Kinos nämlich
die einzelnen Akte zu größeren Rollen zusammengeklebt.
Durch unsachgemäße und schluderige Durchführung gehen
hierbei und durch das Auseinanderschneiden häufig Bilder
verloren. Oft ist es auch schon vorgekommen, daß
Hilfsvorführer beim Auseinanderscheiden die Akte vertauschen
und das nächste Kino die Vorstellung ausfallen lassen muß,
weil der Film total unverständlich war.

Überblendung
Früher wurde jede einzelne Rolle (rund 600 m
lang = 20 Minuten) 'von Hand gefahren'. Wenn der erste Akt zu
Ende war, wurde auf die zweite Rolle in der zweiten Maschine
'überblendet'.


Maschine I (links) und Maschine II in der alten
Kurbelkiste in der Winkelstraße

Durch zwei Überblendzeichen am Ende jeden Aktes (meist ein
weißer Punkt rechts oben im Bild, etwa ein Viertel Sekunde zu
sehen) wurde dem Vorführer signalisiert, wann er die zweite
Maschine zu starten hatte und wann er Bild und Ton von der
ersten auf die zweite Maschine umzuschalten hatte. Hier waren
natürlich Fehler möglich, die heute bei richtig gewarteten und
richtig programmierten automatischen Maschinen entfallen.

Kunststück
Schlimm wird es aber besonders bei älteren Filmen, die
häufig nur einen Tag in den Kinos laufen. Durch den ständigen
Wechsel und den Transport leiden sie zusätzlich. Oft werden sie
auch noch durch kleinere Verleiher vertrieben, die nur wenig
Geld in die Kopien stecken können. Da wird dann die Vorführung
oft zum Kunststück. Das Material ist mürbe, der Vorführer
muß ganz präzise arbeiten.

Versetzer
Manchmal nützt alle Sorgfalt nichts. Irgendjemand hat eine
Kopie mal nachts im Heizungskeller aufbewahrt und nun reißt das
spröde Material 5 bis 6 mal pro Vorstellung. Die in alten
Kopien dann häufigen Klebestellen bilden noch weitere Gefahren.
Sie können wieder aufgehen, oder, weil schlecht geklebt,
verursachen sie Schwankungen in der Bildschärfe oder aber
verursachen sogenannte Versetzer. Das Bild ist dann in der Mitte
geteilt, der untere Teil (Füsse) ist oben und die Köpfe sind
am unteren Bildrand. Hoffentlich steht dann der Vorführer
gerade neben der Maschine und rollt nicht eben eine andere Rolle
um oder legt den nächsten Akt in die zweite Maschine ein. Dann
kann es nämlich bei aller Sorgfalt schon mal etwas länger
dauern, bis das Bild wieder richtig steht. [...]
Quelle:
Filmzeitung der Programmkinos CINEMA und KURBELKISTE in
Münster, Feb. - April 1980, S. 6 nach einer Abhandlung der
Harmonie, Frankfurt.
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